Deutschlands regelmäßigster „Kirchgänger“ ist konfessionslos. Aber weder Andacht, Predigt oder Kommunion locken ihn, noch Bach-Kantaten oder Krippenspiel – er kommt des schönen Turmes wegen. Die Rede ist vom Turmfalken – dem Vogel des Jahres 2007.
Der kleine Greifvogel ist ein echter Kulturfolger. Er brütet gerne in Gebäuden aller Art, vom bereits erwähnten Kirchturm bis hin zum Hochhaus, in großen Scheunen, an Fabrikhallen und historischen Stadtmauern, auf Funktürmen und Hochspannungsmasten. Aber auch seine natürlichen Brutplätze erfreuen sich großer Beliebtheit: Kaum ein Fels ohne Falke, und auch alte Krähen- und Elsternnester an Waldrändern oder in Feldgehölzen werden als Kinderstube genutzt. Er ist gerne Nachmieter, denn eigene Nester bauen kann er nicht.
Ende April legt das Weibchen, das um fast 10 Prozent größer als das Männchen ist, meist vier bis sechs Eier. Nach 29 Tagen schlüpfen die Küken, die von beiden Elternteilen gefüttert werden. Nach vier Wochen wagen die Kleinen den Sprung aus dem Nest, was den Eltern aber wenig Entspannung bringt. Die Halbstarken verfolgen sie bettelnd noch weitere vier bis fünf Wochen. Bei Turmfalken ist die Jugend rasch vorüber, denn schon nach 10 Monaten werden sie geschlechtsreif und gründen eine eigene Familie. Turmfalken leben in „Einehe“. Im Herbst und Winter trennen sich die Paare oft, manche Vögel bleiben in der Umgebung des Nistplatzes, andere streifen umher und es verschlägt sie gelegentlich – wenn auch selten – bis in den Mittelmeerraum. Anders verhalten sich ihre Artgenossen aus Skandinavien und Rußland: Sie müssen dem harten Winter mit hohen Schneelagen ausweichen und überwintern meist bei uns in Mitteleuropa.
Seine Jagdstrategie hat den Turmfalken bekannt gemacht: Geschickt verharrt er durch schnelles Flügelschlagen an einer Stelle in der Luft, um seine Beute im Blick zu behalten und zu geeigneter Zeit zuzuschlagen. Kein anderer Vogel hat dieses Verhalten, das ihm den Beinamen „Rüttelfalk“ eingebracht hat, so perfektioniert. Aber auch sein ansonsten zutrauliches Wesen macht den Turmfalken beliebt. Die im städtischen Raum brütenden Paare haben wenig Scheu vor dem Menschen, ziehen ihre Jungen inmitten von Fußgängerzonen und an belebten Plätzen auf und bringen mehr als nur einen Hauch von Natur in unsere Innenstädte. Zum guten Ruf gehört natürlich auch sein Speisezettel: Der Turmfalke erbeutet fast ausschließlich Feld- und Wühlmäuse. Das erkannten die Politiker bereits vor fast 120 Jahren: Am 22.03.1888 wurde der Turmfalke als erster Greifvogel in Deutschland unter Naturschutz gestellt.
Und tatsächlich gibt es kaum Klagen über den Mitbewohner. Während sich andere gebäudebrütende Vögel allerhand vorwerfen lassen müssen – angefangen vom Dreck, über Lärmbelästigung bis hin zu angeblichen Schäden – genießen Turmfalken einen relativ guten Ruf. Und dennoch gibt es Grund zur Sorge: Daß die Wahl der NABU-Jury zum Vogel des Jahres auf den Turmfalken fiel, verdankt er seiner Rolle als „Botschafter der Gebäudebrüter“. Wie kaum ein zweiter Vogel repräsentiert er die Kulturfolger, die ihre Ausbreitung der Anpassung an den Menschen verdanken, deren Rückgang in den letzten Jahrzehnten aber auch vom Zweibeiner verschuldet wurde. Wie Sperlinge, Schleiereulen und Fledermäuse leidet der Turmfalke unter rücksichtsloser Gebäudesanierung. Vielfach werden bei Restaurierungen die letzten Öffnungen verschlossen, Dachstühle hermetisch abgeriegelt und Simse „taubensicher“ mit Drahtstiften und Netzen verbaut.
Doch dem sympathischen Krummschnabel kann geholfen werden: Wenn eine naturfreundliche Sanierung eines Altbaus nicht möglich ist, kann man dem Turmfalken mit einem Nistkasten Asyl gewähren. Der anspruchslose Vogel ist mit einer einfachen Holzkiste mit den Maßen 50 x 30 x 35 cm leicht zufrieden zu stellen. Der Kasten wird am besten möglichst hoch auf der Süd- oder Ostseite eines Gebäudes aufgehängt. Schallschlitze und Fensterchen in Kirchtürmen, Giebel von Scheunen und Wohnhäusern oder Masten aller Art sind geeignete Standorte. Wer aus optischen Gründen einen weniger sichtbaren Nistplatz anbieten möchte, der kann den Kasten auch von innen hinter eine Öffnung im Gebäude montieren. Verdoppelt man die Maße des Kastens, der im Inneren angebracht wird, auf etwa 100 x 60 x 60 cm, wird die künstliche Behausung auch für die Schleiereule attraktiv. Und sollten sich Falke und Eule nicht über das Mietrecht einigen können, kein Problem: Gleichzeitige Bruten von beiden Arten in einem Kasten sind schon oft beobachtet worden!
Helfen Sie dem Turmfalken!
Nistkästen für Turmfalken sind leicht gebaut. Eine Bauanleitung gibt es kostenlos beim Komitee gegen den Vogelmord e.V., Auf dem Dransdorfer Berg 98, 53121 Bonn, Email: info@komitee.de
Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr.11 (April 2007)
Autor: Sabine von Imhoff-Rösener
30.7.2007 16:00:45
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