Seit Jahren kritisieren Natur- und Vogelschützer die Jagd mit Zahlen und Fakten. So ist längst fundiert erwiesen, dass die Freizeitjagd überflüssig und schädlich ist und sich nicht mit wis-senschaftlichen Argumenten rechtfertigen lässt. Doch all die vielen Publikationen und Bücher gegen die Jagd haben weder die deutsche Politik noch die öffentliche Einstellung zur Jagd entscheidend verändert: Nie zuvor wurden so viele Tiere geschossen, scheint eine echte Jagdreform weiter entfernt denn je. Ich bin daher der festen Überzeugung, dass eine Abschaffung oder deutliche Reduzierung der Jagdaktivitäten nicht dadurch erreicht wird, dass man sich intensiv mit den längst widerlegten, pseudowissenchaftlichen Mythen der Jäger befasst. Um bei der Abschaffung der Jagd entscheidend voranzukommen, muss man die Motive und Leidenschaften der Jäger verstehen. Und dabei war vielleicht die überraschendste Erkenntnis, dass diese Motive den Jägern oft selbst nicht bewusst sind.
So hat die heutige, von Jägern beschworene „Jagdkultur“ nichts mehr mit der Tradition und spirituellen Ethik von Jägervölkern zu tun, sondern ist zu einer Beherrschung und Manipulati-on des Lebendigen verkommen. Während die alten Mythen der Naturvölker authentisch waren und gelebt wurden, sind die Mythen der Hobbyjäger tot und durch unsere Kulturgeschichte konditioniert. Für mich sind die Gedankenprodukte der Freizeitjagd der Ökologie wesens-fremd. Sie sind das Ergebnis einer patriarchalischen Schöpfungsidee. Anders als bei den alten Jägervölkern hat diese Idee Mensch und Tier radikal getrennt und in Verbindung mit dem abendländischen Herrschaftsanspruch für die Abtötung der Tierseele gesorgt. So ist die De-gradierung des Tiers und die Eliminierung der Gefühle aus unserem Weltbild direkte Ursache dafür, dass wir heute Wildschweine, Hasen und Gänse schiessen als ob man Raps erntet oder Sand abbaut.
Schon mit 15 Jahren wurde ich zum Jagdhelfer, Wildheger und Treiber in den freiherrlichen Niederwildrevieren und war in jeder freien Minute im Wald, begleitete den Förster, versorgte die Fütterungen, stellte Fallen, kontrollierte Hochsitze und zählte das Wild im Revier. Jeden Herbst und Winter nahm ich als Treiber an Gesellschaftsjagden teil und endlich, mit 17 Jah-ren, bestand ich die Jägerprüfung und gehörte zu einem Männerbund. Doch spätestens seit meiner ersten und letzten Treibjagd hat mich die Frage bewegt, warum Jäger unbedingt töten wollen, obwohl sie es nicht müssen. Ich diskutiere deshalb die Jagdmotivation unter tiefen-psychologischen Aspekten und komme zu dem Schluss, dass Jagd viel mit männlich getönten, entarteten und unerlösten Aggressionen zu tun hat, die als Verdrängung, Projektion, Minder-wertigkeit und Geltungssucht zutage treten. Die blutige Hobbyjagd ist eine kurzfristige Trie-bentladung, ein zwanghaftes, entartetes und im Kern unbeständiges Pseudo-Lustritual, das von destruktiven Emotionen lebt, die auf die Abreaktion an schwächeren Geschöpfen aus sind. Dieses Denken hat nichts mit dem Fluss natürlicher Prozesse zu tun, sondern verkörpert den männlichen Anspruch auf Manipulation der natürlichen Welt. Jagd kann daher kein Ausdruck von Liebe zur Natur sein, sondern wird durch krankhafte, emotionale Strukturen und irrationale Leidenschaften geprägt. Wer tötet was er liebt, ist nach Ansicht aller Pioniere der Tiefenpsychologie seelisch krank. Deshalb kann das sinnentleerte Töten von Lebewesen auf der Freizeitjagd keine Therapie für die Natur sein, sondern ist vielmehr das Symptom einer psychischen Krankheit, die „behandelt“ werden sollte.
Ich bin der Meinung, dass uns die Evolution nicht dazu zwingt, anderen Lebewesen Schmerz und Leid zuzufügen, sondern uns sehr wohl Alternativen zu Gewalt und Dominanz anbietet. Mit Hilfe der Theorien der Jungianischen Psychologie von Anima und Animus sowie des kollektiven Unbewussten lässt sich darstellen, dass die Jagdleidenschaften ganz wesentlich aus der Unterdrückung weiblicher Attribute wie Mitgefühl, Fürsorge und Intuition bzw. der Überbetonung männlicher Begriffe wie Unterdrückung, Herrschaft und Kontrolle entstehen. Der Jäger könnte seine archetypisch männliche Energie im Sinne der Psychologie von C.G. Jung dazu nutzen, um dem Leitbild des „Edlen Kriegers“ zu folgen. Hier entdeckt der Jäger eine Natur, die nicht von brutaler Dominanz, sondern vom Prinzip der Partnerschaft lebt. Wer es schafft, seine Waffe freiwillig fortzulegen und Tieren Schutz gewährt, der wird mit deren Vertrautheit und Zuneigung belohnt. Nur dieser Nichtjäger kann sich glaubhaft auf den Heili-gen Hubertus berufen und hat begriffen, dass es keinen Sinn macht, mit dem Vergießen des Blutes fühlender Wesen eigene Probleme lösen zu wollen.
Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr.11 (April 2007)
Autor: KH Loske
31.7.2007 11:33:42
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