Mit dem geplanten Beitritt Bulgariens und Rumäniens reicht ab dem 1. Januar 2007 die Europäische Union bis an das Schwarze Meer. Von EU-Standards ist der dortige Naturschutz allerdings noch weit entfernt. Beide Länder zeichnen sich durch reiche Naturschätze und große, intakte Naturlandschaften aus, sind aber auch bekannt für unzureichende Schutzmaßnahmen, ausufernde Jagd und illegalen Vogelfang. So werden an der Schwarzmeerküste jedes Jahr Tausende Rothalsgänse, Zwergscharben und andere geschützte Wasservögel geschossen. Hohe Gewinnspannen beim Verkauf und ein geringes Risiko, von der Polizei erwischt zu werden, lassen die Wilderei aufleben und locken Jagdtouristen an.
Die Einrichtung von Schutzgebieten nach den Vorgaben der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtline (FFH-Richtlinie) und der EU-Vogelschutzrichtlinie ist zwar noch lange nicht so weit fortgeschritten, wie von Brüssel gewünscht, doch hier ist man auf gutem Wege. In Bulgarien bedecken bereits insgesamt 560 Schutzgebiete und drei Nationalparks gut fünf Prozent der Landesfläche – das ist bedeutend mehr als z.B. in Deutschland. Ebenfalls gut steht es um die EU-Tauglichkeit der Jagd- und Naturschutzgesetzgebung, die bereits einen erheblichen Teil der internationalen Anforderungen abdeckt. So sind z.B. zahlreiche wichtige Vorschriften der europäischen Vogelschutzrichtline – wie z.B. der Vollschutz von Greifvögeln, Eulen, Störchen und Reihern, ein Verbot des Vogelfangs sowie der Verwendung elektronischer Hilfsmittel bei der Jagd – bereits im bulgarischen Jagdgesetz festgeschrieben.
Bulgarien – Weltmeister im Turteltauben-Export
Unabhängig davon dürfen in Bulgarien 51 Tierarten geschossen werden – darunter 29 Vogelarten. Unter ihnen befinden sich auch zahlreiche Zugvögel wie z.B. Turteltauben, Stare, Bekassinen und verschiedene Enten – nach EU-Recht ist ihr Abschuß leider vollkommen legal. Nicht konform mit den Erfordernissen der EU-Vogelschutzrichtlinie sind allerdings die Jagdzeiten: Enten, Ringeltauben und Schnepfen dürfen in Bulgarien bis Ende Februar getötet werden – für diese Arten ist die Jagd EU-weit ab Ende Januar geschlossen. Und auch der europaweit gefährdete Auerhahn darf im April und Mai unter Beschuß genommen werden, besonders beliebt ist die Frühlingsjagd auf balzende Männchen.
Im Gegensatz zu anderen Regionen Osteuropas finden sich auf dem Balkan noch halbwegs stabile Bestände von Braunbären, Wildkatzen und Wölfen. Bulgarien kommt dabei die Rolle als wichtiges Ausbreitungszentrum für diese Arten in Südost- und Osteuropa zu. Eine Verantwortung, der man anscheinend nicht gewachsen ist. Entgegen den Bestimmungen der europäischen FFH-Richtlinie dürfen Wildkatzen und Bären in Bulgarien ganz offiziell geschossen werden. Wölfe besitzen nicht einmal eine Schonzeit und dürfen das ganze Jahr über erlegt werden. Derart großzügige Jagdmöglichkeiten locken Jagdtouristen aus ganz Europa an. Für einen der letzten Europäischen Braunbären muß man allerdings schon um die 10.000 Euro auf den Tisch legen. Wer so viel Geld nicht hat, dem wird der Abschuß europäischer Zugvögel zu Schleuderpreisen angeboten: Waldschnepfenjagd gibt´s schon ab 25 Euro pro geschossenen Vogel, eine Turteltaube kann man schon für 5 Euro vom Himmel holen, Stare und Bläßhühner kosten „das Stück“ nur einen einzigen Euro. Und das Geschäft mit dem Zugvogelmord boomt: Jedes Jahr reisen Tausende Vogeljäger – vor allem aus Italien und Malta – an, um ungestört auf daheim geschützte Arten ballern zu können. Wilderei ist insbesondere bei der Wasservogeljagd am Schwarzen Meer weit verbreitet. Pelikane, Zwergscharben und Rothalsgänse sind dort regelmäßig Opfer der illegalen Jagd.

Wie skrupellos die Gastjäger dabei vorgehen, zeigte am 11.9.2005 ein Fund am Flughafen der Hauptstadt Sofia. In einem Gepäck eines Gastjägers aus Malta entdeckten Zollbeamte die Trophäen illegal geschossener Rothalsgänse, Habichte, Bussarde und eines Schreiadlers. Adler und Rothalsgänse gehören zu den global vom Aussterben bedrohten Vogelarten und sind in Bulgarien streng geschützt. Gegen den Schmuggler wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Mindestens ebenso dramatisch ist die kommerzielle Ausfuhr in Bulgarien geschossener Turteltauben – hier ist das Land mit Abstand der Weltmarktführer! Nach Auskunft des Umweltprogrammes der Vereinten Nationen (UNEP) hat Bulgarien in den vergangenen 10 Jahren 62.155 der europaweit im Bestand bedrohten Turteltauben legal ausgeführt – mehrheitlich an Restaurants in Italien.
Rumänien – Feldlerchenjagd ab 1.700 Euro
Rumänien hinkt der EU mächtig hinterher. Das Land besitzt phantastische Naturlandschaften wie z.B. die ausgedehnten Maramuren-Wälder im Norden oder das Donaudelta im Osten. Leider ist der Großteil dieser einmaligen Lebensräume noch nicht ausreichend geschützt. Die Zahl der offiziell ausgewiesenen Naturschutzgebiete ist gering und bestehende Vorschriften zum Schutz der Vogel- und Tierwelt werden gar nicht oder kaum überwacht. Die Jagd gehört zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Rumänen und der Verkauf von Abschußlizenzen avanciert zudem mehr und mehr zum Wirtschaftszweig.
Das rumänische Jagdgesetz erlaubt den Abschuß von insgesamt 73 Tierarten, fast alle der 53 gelisteten Vogelarten sind Zugvögel. Kampfläufer, Kiebitz, Uferschnepfe und Mittelsäger sind ebenso zum Abschuß freigegeben wie Turteltaube, Wachtel, Auer- und Haselhuhn. Auch die Singvogeljagd ist traditionell weit verbreitet – Feldlerchen, Stare und Drosseln dürfen von August bis Mitte März erlegt werden - also bis weit in die Zeit des Rückzuges und des Nestbaus hinein. Die Liste der jagdbaren Säugetiere ist lang und beinhaltet auch Arten wie Eichhörnchen, Goldschakal und Murmeltier – auch hier dauert die Jagdzeit meist bis weit in den Frühling hinein. Besonders skandalös sind die Freigaben von Luchs und Wolf, die entgegen der FFH-Richtlinie von Mitte September bis Ende März ganz offiziell gejagt werden dürfen.
Nicht zuletzt deshalb haben ausländische Jäger Rumänien längst als Reiseziel entdeckt. So werben Jagdreiseagenturen mit der Pirsch auf Raubtiere ab 2.800 Euro, dreitägige Gänse- und Entenjagden kann man bereits für 1.800 Euro buchen und die in der EU streng verbotene Frühlingsjagd auf Singvögel und Turteltauben kostet 1.600 Euro pro Wochenende. Wer bezahlt, braucht sich anscheinend auch um bestehende Schutzvorschriften keine Sorgen zu machen. So wirbt z.B. die rumänische Jagdreiseagentur „Hunter Company“ auf ihrer Internetseite mit dem unbegrenzten Abschuß ziehender Feldlerchen im Donautal. „Unser
Team aus Profi-Jägern verfügt über sämtliches Equipment, das für die Lerchenjagd benötigt wird. Um die besten Resultate zu erzielen, empfehlen wir Ihnen, einen elektronischen Lockvogel mitzubringen“. Auf ihrer Homepage weist die Jägerfirma ausdrücklich darauf hin, daß sie ihren Kunden gegen Gebühr auch „optimale automatische Gewehre“ für den Abschuß von Singvögeln zur Verfügung stellt und der Transport der Trophäen ins Ausland völlig problemlos sei. Problemlos? Nach rumänischem Recht ist sowohl die Jagd mit automatischen Waffen und elektronischen Lockvorrichtungen als auch der kommerzielle Export erlegter Lerchen in die EU eindeutig illegal. Trotzdem wird alles zusammen im Internet als 3-Tages-Paket für rund 1.700 Euro angeboten. Insbesondere italienische Vogeljäger veranstalten nach Informationen des Komitees dabei oft regelrechte Massaker, bei denen Hunderte Tiere pro Tag und Jäger getötet werden. Deren Kadaver wandern anschließend über dunkle Kanäle in Richtung Italien, wo sie in Restaurants an Gourmets weiterverkauft werden. So entdeckte der Zoll im Jahr 2005 am Münchener Flughafen mehr als 2.000 frisch geschossene Wiesenpieper. Versteckt waren die Kadaver im Gepäck eines Restaurantbesitzers aus Venezien, der gerade von einem „Jagdausflug“ in Rumänien zurück kam.
Komitee in Aktion
Das Komitee gegen den Vogelmord hat in den letzten Jahren Kontakte zu verschiedenen Naturschutzorganisationen in den Balkanländern aufgebaut und die Natur- und Tierfreunde vor Ort finanziell und mit Sachspenden unterstützt. So hat der bulgarische Verband „Green Balkans“ von uns einen Geländewagen, Computer sowie Ferngläser und Spektive für seine Arbeit erhalten. Weitere gemeinsame Projekte sind zur Zeit in Vorbereitung, ein Komiteeteam hat sich im Herbst 2005 in Bulgarien ein Bild von der Situation in den Zentren der Wasservogeljagd gemacht. Im Frühjahr 2006 hat die EU-Kommission vom Komitee eine detaillierte Auflistung aller wichtigen EU-Schutzvorschriften erhalten, die bisher durch das bulgarische und rumänische Jagdgesetz nicht umgesetzt wurden – mit der klaren Forderung, bei den Beitrittskandidaten auf zügige Reformen in diesem Bereich zu drängen.
Proteste zeigen Wirkung
Zahlreiche Mitglieder und Spender des Komitees haben sich im Herbst 2005 an einer Protestaktion gegen die Vogeljagd an die bulgarische Botschaft beteiligt. Die offenen Worte der Naturfreunde blieben nicht ohne Wirkung – das Komitee erhielt eine Einladung nach Berlin! In einem ausführlichen Gespräch am 28.11.2005 konnten Komitee-Präsident Heinz Schwarze, Bulgarien-Projektleiter Thomas Hellwig und Geschäftsführer Alexander Heyd der bulgarischen Botschafterin Dr. Megena Plugtschieva die Kritik des Komitees an der Zugvogeljagd und dem kommerziellen Export wilder Turteltauben in Bulgarien erläutern. Wenn auch in vielen Punkten vorerst noch keine Einigkeit erzielt werden konnte, sagte die Diplomatin zu, ihre Vorgesetzten in Sofia ausführlich über die Kritik aus Deutschland zu informieren.
30.7.2007 15:40:52
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