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Hausbesetzer, Handwerker und Diplomat. Der Kleiber ist Vogel des Jahres 2006

Wer wohnt in einer Höhle tief im Wald, trägt eine schwarze Maske und vertreibt Eindringlinge mit lautem Krawall? Wer dabei zuerst an einen Ganoven vom Schlage eines Räuber Hotzenplotz denkt, liegt völlig daneben. Die Rede ist vom Kleiber, einem unserer bekanntesten Wald- und Parkbewohner, den der Naturschutzbund in diesem Jahr zum Vogel des Jahres gekürt hat. Mit der Ernennung eines klassischen Waldvogels soll auf den Schutz naturnaher und totholzreicher Laubwälder hingewiesen werden.

Als Standvogel läßt sich der rund 14 Zentimeter große Kleiber das ganze Jahr über bei uns beobachten. Meist sieht man ihn wieselflink an Baumstämmen herumklettern, ständig auf der Suche nach Nahrung oder – im Frühjahr – nach einer geeigneten Bruthöhle. Sein Hauptlebensraum sind ausgedehnte naturnahe Laubwälder, große Parkanlagen und Obstgärten, in denen viele alte Bäume, reichlich Altholz und Insekten zu finden sind. Weniger geeignet für den Kleiber sind junge Niederwaldbestände oder reine Nadelforste, in denen es vor allem an geeigneten Nistmöglichkeiten mangelt.

Artenschutz Vogel des Jahres 2006 Kleiber

Hinter dicken Mauern

Für die Aufzucht seiner Jungen bevorzugt der Kleiber alte Spechthöhlen bzw. durch Fäulnis in Bäumen entstandene Hohlräume, am besten 15 bis 20 Meter über dem Erdboden, gerne aber auch noch höher hinaus. Neben einer guten Aussicht bietet ein solch luftiges Heim vor allem Schutz vor Feinden wie Mardern oder Eichhörnchen, die es auf den Nachwuchs der Kleiber abgesehen haben. Als zusätzliche Absicherung vor Nesträubern und möglichen Nistplatzkonkurrenten paßt der Kleiber den Eingang seiner Behausung exakt seiner Größe an. Dafür verwendet er feuchten Lehm, den er in akribischer Feinarbeit mit dem Schnabel festklopft, bis das Einflugloch kleibergerechte 29 bis 32 Millimeter Durchmesser aufweist. Diesem – in der europäischen Vogelwelt einmaligen - Kleben (Kleibern) von Lehmkügelchen verdankt der Jahresvogel auch seinen Namen. Beim „Zukleibern“ des Höhleneingangs können – je nach Größe der ursprünglichen Öffnung – leicht bis zu anderthalb Kilo Lehm verbaut werden. Legt man eine Ladekapazität von wenigen Gramm Lehm pro Schnabel zugrunde, kommen so locker mehrere hundert Transportflüge pro Behausung zustande. Ausgehärtet stellt diese Lehmschicht eine fast unüberwindbare Barriere dar, hinter der sich der Jahresvogel ungestört und sicher um seinen Nachwuchs kümmern kann. Selbst Spechte sind meist nicht in der Lage, die vom Kleiber zugemauerte Öffnung aufzuhacken. Und so mancher Waldkauz, der im Frühling seine Bruthöhle inspizieren wollte, mußte sich dem kleinen Hausbesetzer kampflos geschlagen geben.

Anstrengendes Brutgeschäft

Bevor jedoch die Eier gelegt werden, muß sich das Kleiberpaar noch um den Innenausbau seiner Behausung kümmern. Dabei gilt: Je größer die Höhle, desto dicker kann die Polsterung aus kleinen Stöckchen, Rindenstückchen oder Laub ausfallen, mit der Eier und Jungvögel vor eindringender Feuchtigkeit geschützt werden. Beim Auspolstern der Bruthöhle wird übrigens streng arbeitsteilig vorgegangen. Während Er dafür verantwortlich ist, ständig neues Material heranzuschleppen, sitzt Sie im Nest und verarbeitet den von ihrem Bräutigam
gelieferten Baustoff. Dabei ist das Weibchen äußerst wählerisch und wirft ungeeignetes Polstermaterial kurzerhand wieder hinaus. Erst wenn das Nest fertig und der Höhleneingang verkleinert ist, beginnt das Weibchen ab Ende März mit der Ablage von 5-9 rostrot bis dunkelbraun gefleckten Eiern. Bebrütet wird das Gelege ausschließlich von der Kleiberin, die während dieser Zeit von ihrem Partner mit Futter versorgt wird und nur gelegentlich die Höhle verläßt. Nach einer Brutdauer von 15 bis 18 Tagen kämpft sich dann der Nachwuchs aus der Schale. Meist schlüpfen alle Jungvögel pro Nest innerhalb eines Tages, so daß die Altvögel sofort ordentlich zu tun haben, um ihren Nachwuchs satt zu bekommen. Bis zu 16 Futterflüge pro Stunde haben Ornithologen an besetzten Kleiberhöhlen bereits gemessen, viel Zeit zum Ausruhen bleibt da nicht. Um die hungrigen Mäuler zu stopfen, bringen beide Partner vor allem Spinnen und Insekten heran, die sie an der Rinde von Bäumen, selten auch am Waldboden, finden. Dabei stochern sie mit ihren kräftigen Schnäbeln in Rindenspalten und Hohlräumen herum, bis sie im wahrsten Sinne des Wortes „den Schnabel voll“ haben.

Leben auf großem Fuß

Als einzige einheimische Vogelart ist der Kleiber in der Lage, Baumstämme auch „kopfunter“ herunterzulaufen. Unterstützt wird er dabei von seinen im Vergleich zu ähnlich großen Vogelarten extrem großen Füßen, deren Krallen ihm in allen Lebenslagen ausgezeichneten Halt bieten. Beim Herunterklettern werden Füße und Körper zudem immer leicht seitwärts versetzt, was den Schwerpunkt stabilisiert und einen Absturz bei der Nahrungssuche verhindert. Außerhalb der Brutzeit kann man Kleiber auch gelegentlich innerhalb von Ortschaften herumturnen sehen, wo sie sich im Winter sogar am Futterhäuschen blicken lassen. Alternativ bedienen sich die Kletterkünstler in der kalten Jahreszeit an selbstangelegten Vorratsverstecken, die bei gutem Futterangebot im Sommer zuvor angelegt werden.

(Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr.10 (2006), erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V. - Email: info@komitee.de)

 

30.7.2007 15:41:29



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