Die Jagd mit abgerichteten Falken ist in der Golfregion seit jeher ein Hobby der Reichen und Mächtigen. Experten schätzen den jährlichen Falkenverbrauch der Scheichs, die für besonders prestigeträchtige Tiere schon einmal Schecks mit sechsstelligen Dollarbeträgen unterschreiben, auf mehr als 10.000 Tiere pro Jahr. Da Zuchterfolge und legale Importe diesen hohen Bedarf nicht abdecken, geraten weltweit wilde Falkenpopulationen in das Visier von Wilderern. Allen internationalen Schutzbemühungen zum Trotz ist das Beschaffen illegaler Wildfänge mittlerweile ein Multi-Millionengeschäft für ein internationales Netzwerk von dubiosen Züchtern, Schmugglern und Geschäftemachern geworden.
Nach Recherchen der amerikanischen Union for the Conservation of Raptors (U.C.R.) sollen sogar arabische Diplomaten und hochrangige Mitglieder des saudischen Königshauses in den illegalen Handel verstrickt sein. Auf ihrer Homepage im Internet (www.savethefalcons.org) haben die amerikanischen Vogelschützer jetzt erstmals zahlreiche aktuelle Belege und Beweisfotos für ihre Anschuldigungen veröffentlicht.
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Korruption und Amtsmißbrauch
„Hier geht es nicht in erster Linie um Vögel. Hier geht es um Amtsvergehen und Korruption in ganz großem Stil. Hochgestellte arabische Persönlichkeiten mißbrauchen die politische Macht und den Reichtum ihrer Länder, um Naturschutzbehörden wie z.B. das CITES-Sekretariat für ihre Zwecke zu kontrollieren.“ Alan Howell Parrot scheint zu wissen, worüber er auf seiner Internetseite schreibt. Seit mehr als 15 Jahren recherchiert der ehemalige Falkner im Auftrag internationaler Verbände und Polizeibehörden in Sachen Greifvogelschmuggel. Was er und seine Kollegen von der U.C.R. dabei herausgefunden und jetzt veröffentlicht haben, liest sich wie Passagen aus einem amerikanischen Agententhriller. Glaubt man den Berichten der Falkenschützer, ist einigen Scheichs anscheinend jedes Mittel recht, um an ihr „gefiedertes Kokain“ (Parrot) zu kommen.
So soll z.B. nach U.C.R.-Recherchen der saudische Prinz Mohammed bin Naif „seit mehr als elf Jahren“ Sakerfalken in Flugzeugen aus der Mongolei heraus schmuggeln. Auftraggeber der Transporte sollen laut U.C.R.-Dokumenten zwei hochrangige Mitglieder des saudischen Königshauses und Minister des Wüstenstaates sein. Als Beleg für den Falkenfang in der Mongolei – so schreibt Parrot auf seiner Homepage - könne die U.C.R. eine schriftliche Vereinbarung zwischen dem Prinzen Mohammed und dem Umweltministerium in Ulan-Bator vorweisen, die bin Naif Fang und Export von 800 wilden Falken in einem Zeitraum von mehreren Jahren gestatte. Zum Vergleich: Der Gesamtbestand aller in der Mongolei brütenden Sakerfalken wird auf rund 1.000 Brutpaare geschätzt. Wie der U.C.R. zugespielte Bankunterlagen und Zeugenaussagen zudem beweisen sollen, haben die Saudis bei dem Deal rund 18.000 US-Dollar pro Vogel bezahlt. Für kirgisische Verhältnisse stellt eine solche Summe sicherlich ein Vermögen dar, verglichen mit den Gewinnen, die auf Falkenbörsen in Riad für die Tiere erzielt werden, ist sie ein regelrechtes Schnäppchen.
Schmuggeln erster Klasse
Daß Geld und Artenschutzgesetze für viele jagdbesessene Scheichs ohnehin keine besondere Rolle spielen, zeigt auch das Beispiel des ehemaligen saudischen Botschafters in den Vereinigten Staaten, Prinz Bandar bin Sultan. Der königliche Diplomat geriet – so berichtet Parrot – im Rahmen der Ermittlungen gegen einen Ring von professionellen Falkenschmugglern in den USA und Kanada vor einigen Jahren in das Visier von Umweltfahndern. Wie ein kanadischer Regierungsmitarbeiter der U.C.R. schriftlich versicherte, soll bei den Ermittlungen herausgekommen sein, daß Bandar sich mit Schmugglern in seiner Botschaft in Washington traf, beim Transport illegaler Falken innerhalb der USA behilflich war und sogar die Fluggesellschaft „Saudi-Airline“ angewiesen hatte, für illegale Falken und ihre Begleiter freie Tickets erster Klasse auszustellen. Obwohl laut dieser Quelle Beamte des U.S. Fish and Wildlife Service beobachten konnten, wie „mehrere Ladungen illegaler Falken an Bord von Flugzeugen der Saudi-Airline geschmuggelt wurden“ und diese Transporte angeblich sogar photographiert wurden, konnte der diplomatisch immune Prinz Bandar nie offiziell zur Verantwortung gezogen werden.
Von Kirgisien nach Syrien
„Das ist nur einer vor zahlreichen Fällen, in denen sich hochgestellte Persönlichkeiten am Falkenschmuggel beteiligen“, so Parrot weiter. Erst jüngst habe sich die U.C.R. intensiv mit dem Schmuggel gefährdeter Falken aus Zentralasien in den Nahen Osten befaßt. Dabei wurden laut Parrot zahlreiche Indizien dafür gesammelt, daß Falken aus Kirgisien und Kasachstan über russische Luftwaffenstützpunkte in Richtung Arabische Halbinsel geschmuggelt werden. Ausgestattet mit Sonderrechten und diplomatischen Privilegien seien solche Militärgelände ein idealer Platz, um illegale Falken „zollfrei“ auszufliegen. Kurz nachdem entsprechenden Unterlagen im August 2004 von der U.C.R. veröffentlicht wurden, beschlagnahmte die kirgisische Polizei am 27. Oktober 2004 tatsächlich insgesamt 127 Sakerfalken, die von der russischen Militärbasis Kant in Richtung Syrien ausgeflogen werden sollten. Experten taxieren den Wert der in Holzkisten versteckten Greifvögel auf mehrere Millionen US-Dollar. Als Drahtzieher hinter der illegalen Falkenlieferung verdächtigen U.C.R.-Quellen keinen geringeren als den ehemaligen stellvertrenden Chef der russischen strategischen Luftstreitkräfte, General Konstantin Dementyev. Der konnte zu diesen Vorwürfen allerdings nicht mehr befragt werden. Am 30.10.2004 – drei Tage nach der Beschlagnahme der Falken in Kirgisien – wurde Dementyev in der Nähe von Smolensk von Unbekannten in seinem Auto erschossen.
Kragentrappen in Gefahr
Sind die Scheichs erst einmal mit Nachschub versorgt, organisieren sie oft mehrere Monate lange Jagdausflüge, bei denen sie mit Hunderten Falken, Bodyguards und Tierärzten im Gepäck in die Wüste ziehen. Beliebteste Jagdbeute sind seit jeher Kragentrappen, deren Fleisch angeblich als Aphrodisiakum wirksam sein soll. Da die bedrohten Laufvögel auf der Arabischen Halbinsel jedoch so gut wie ausgerottet sind, werden sie für die Jagden zu Tausenden aus Nachbarländern herbeigeschafft. Nach Schätzungen des WWF werden pro Jahr allein in Pakistan mehr als 8.000 Kragentrappen illegal gefangen und anschließend lebend in Richtung Golf geschmuggelt. Dort werden sie dann bei Gesellschaftsjagden oder im Rahmen des „Trainings“ der Falken zu Tode gehetzt.
Um gegen die Wilderei der letzten wilden Saker-, Wander- und Gerfalken sowie der Kragentrappen vorzugehen, hat das Komitee gegen den Vogelmord als erste deutsche Organisation mit der U.C.R. einen engen Informationsaustausch in Sachen Vogelschmuggel vereinbart. Darüber hinaus unterstützt das Komitee eine Petition der U.C.R. an das US-Innenministerium und das internationale CITES-Sekretariat in Genf. Darin werden die Verantwortlichen aufgefordert, sich für ein weltweites Transportembargo für Jagdfalken in die Golfregion einzusetzen. Wer der U.C.R. dabei helfen möchte, kann die Petition im Internet unter der URL https://www.savethefalcons.org unterschreiben.
(Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr.10 (2006), erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V. - Email: info@komitee.de)
30.7.2007 15:42:57
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