Artenschutzbrief Nr. 11.


Artenschutzbrief Nr. 10.


Artenschutzbrief Nr. 9.


Artenschutzbrief Nr. 8.

Artenschutzbrief Nr. 7.

Artenschutzbrief Nr. 6.

Artenschutzbrief Nr. 5.

Artenschutzbrief Nr. 4.

Artenschutzbrief Nr. 3.

Artenschutzbrief Nr. 2.

Artenschutzbrief Nr. 1.

Eugen Tönnis: Jagd ist nicht mehr zeitgemäß

Die menschliche Zivilisation begann vor mehr als 10.000 Jahren im Vorderen Orient. Über Millionen Jahre hinweg waren in zottelige Wildtierfelle gewandte Altsteinzeitmenschen durch die Steppe gezogen, immer den Wildtierherden, ihrer wichtigsten Nahrungsquelle, hinterher. Wollnashorn, Mammut und eine Vielzahl anderer eiszeitlicher Tierarten hatten sie dabei ausgerottet. Nun kam cleveren Erfindergeistern die Idee, die Körner wildwachsenden Getreides vor dem Verzehr erst einmal auszusäen, um hernach umso mehr zu ernten. Der Ackerbau war erfunden. Er verbreitete sich rasch in Eurasien und Nordafrika. Die wilden Jäger wurden seßhaft, gründeten Dörfer und Städte. Rings ums Mittelmeer, in China und Indien erblühten alsbald die ersten antiken Hochkulturen. Die Jagd hatte als wichtigste Form der Nahrungsbeschaffung endgültig ausgedient und avancierte rasch zum puren Freizeitvergnügen. Der steinzeitliche Jagdtrieb ist bis heute scheinbar unausrottbar im Menschen verwurzelt. Ausleben darf ihn bei uns indes nur eine privilegierte Minderheit. Die sucht angesichts anhaltender Naturzerstörung und Faunenschwunds nach immer neuen Argumenten, ihr überkommenes Hobby zu rechtfertigen. Und dies fällt zusehends schwerer.

Jäger als Raubtierersatz

Die lang´ gepflegte Mär vom Jäger als Raubtierersatz zieht neuerdings nicht mehr so recht. Erkenntnisse unabhängiger Populationsökologen beweisen nämlich schon längst für die meisten Tierarten klipp und klar: Der Mensch als Ersatz für die von ihm ausgerotteten Gipfelprädatoren wie Wolf, Luchs und Bär ist denkbar überflüssig. Wölfe und Bären haben nämlich, anders als dies manche Waidwerker glauben machen wollen, noch nie die Bestände ihrer Beutetiere wie Rehe oder Hirsche nennenswert quantitativ beeinflußt. Dazu war ihre Populationsdichte auch ohne menschliches Zutun schon immer zu gering. Viele Beutetiere haben zudem eine höhere Vermehrungsrate und geringere Reviergrößen als ihre natürlichen Feinde. Die Folge: Nicht der Beutegreifer reguliert die Bestandsdichte seiner Beutetiere, vielmehr beeinflussen genau umgekehrt die Beutetiere über das Nahrungsangebot die Populationsdichte ihrer Verfolger.

Besonders gut untersucht ist dies u.a. am Beispiel von Feldmaus und Mäusebussard. Vermehren sich, etwa aufgrund mehrerer hintereinanderfolgender trockener Sommer die Feldmäuse besonders üppig, steigt, allerdings zeitversetzt, auch die Populationsdichte der Bussarde. Hat der Mäusebestand eine kritische Dichte erreicht, können Kontaktkrankheiten, Streß und rückläufige Geburtenzahlen oft innerhalb kürzester Zeit für ein Massensterben unter den Nagern sorgen. Den Bussarden fehlt plötzlich ihre Hauptnahrungsquelle, auch ihr Bestand bricht zusammen. Der Zyklus beginnt erneut.

Derartige natürliche Regulationsmechanismen funktionieren im Prinzip auch bei den meisten sog. Problemwildarten wie Kaninchen, Rehen und Hirschen, wenn man sie denn nur läßt. Auch hier können Seuchen sowie kalte, schneereiche Winter die Bestände drastisch reduzieren. Dies mag uns zwar grausam erscheinen, es macht aber ökologisch Sinn. So wird sichergestellt, daß wirklich nur die am besten angepaßten Tiere überleben und genau das erhalten bleibt, was auch das Bundesjagdgesetz fordert: ein gesunder Wildbestand.

Doch jedes Tier, das den Hungertod stirbt, kann vom Revierinhaber nicht mehr geschossen werden. Folglich werden oft gleich tonnenweise Rübenschnitzel, Mais und Kraftfutter in die Reviere gekarrt. Hege nennt sich dies im Jägerjargon. Immerhin kostet ein gutes Hochwildrevier, so fand der „Stern“ heraus, bis zu 250.000 DM Pacht pro Jahr, da will man auch zum Schuß kommen. In hessischen Revieren wurden sogar schon Sahnetorten gefunden, die munden den kapitalen Geweihträgern besonders gut. Das Rotwild degradiert zum Rotvieh.

Die Folge: Der Bestand an Rehen und Hirschen ist vielerorts wesentlich höher, als er eigentlich sein sollte. In den ökologisch besonders sensiblen Gebirgswäldern der Alpen etwa findet natürliche Waldverjüngung dank des gefräßigen Reh- und Rotwildes mancherorts nur noch in abgezäunten Schonungen statt. Einst artenreiche Ökosysteme, auch für den Menschen als Lawinenschutz unentbehrlich, verarmen zusehends. Wie gut, daß es da Deutschlands Waidmänner gibt, allzeit Gewehr bei Fuß, die von ihnen selbst aus der Balance gebrachten Wildtierpopulationen mit Pulver und Blei wieder ins Gleichgewicht zu schießen. Viel wirksamer wäre allerdings ein generelles Verbot der Wildtierfütterung. Doch derartige Verbote sucht man bislang in ganz Deutschland vergeblich.

Ist trotz Fütterung das Wild nicht zahlreich genug, wird es einfach ausgesetzt. In Deutschlands Jagdzeitungen bieten einschlägige Zuchtbetriebe Feldhasen, Mufflons, Rebhühner, Stockenten und vor allem Jagdfasane massenhaft zum Kauf an. Die in Gefangenschaft aufgezogenen Tiere kennen meist weder Scheu vor dem Menschen, noch wissen sie, sich in geeigneter Weise vor ihren natürlichen Feinden zu schützen. Zahm wie die Haushühner laufen sie über Äcker und Fluren, eine leichte Beute für Habicht, Fuchs und Marder.

”Raubwildbekämpfung” wird folglich in den meisten Niederwildrevieren groß geschrieben. Der Gesetzgeber unterstützt dies mit wenig fortschrittlichen Jagdzeitenverordnungen. Iltis, Hermelin und Mauswiesel dürfen laut Bundesjagdzeitenverordnung über sechs Monate im Jahr hinweg bejagt werden. Füchse besitzen überhaupt keine Schonzeit. Einige wenige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen haben wenigstens den Abschuß der Elterntiere im Frühling, wenn Meister Reinecke seine Jungen großzieht, verboten. Die kleinen Jungfüchse dürfen aber auch dort erlegt werden, kaum daß sie sich erstmalig aus ihrem schützenden Bau herauswagen.

Die Verfolgung der wenigen noch verbliebenen Beutegreiferarten nimmt sogar eher zu denn ab. Dies zeigen nicht nur steigende Jagdstrecken. Da Fuchs und Marder nach jahrzehntelanger Verfolgung republikweit völlig scheu geschossen sind, wird neuerdings die Fallenjagd wieder verstärkt propagiert. Schlag- und Abzugeisen, Wippbrett- und Kastenfallen finden sich trotz wachsender öffentlicher Kritik immer noch in fast jedem Niederwildrevier. Die in vielen Bundesländern, weil besonders tierquälerisch, bereits verbotenen Scherenfallen, die mit Steinen beschwert ihre Opfer zerquetschen, sind im Fachhandel ebenso frei erhältlich wie Fangkäfige und Netze zum Greifvogelfang.

Jäger als Seuchenpolizisten

Deutschlands Jäger betrachten sich nicht nur selbstgefällig als Ersatz für die von ihnen ausgerotteten Großraubtiere. Auch Wildtierseuchen stehen als willkommene Rechtfertigung für so manchen ökologischen Anachronismus hoch im Kurs. Ringeltauben übertragen, glaubt man den Lodengrünen, die Papageienkrankheit, Wildschweine die Schweinepest und der Dachs die Tollwut. Tatsächlich können manche Wildtierarten durchaus Zwischenwirte von Parasiten oder Krankheitserregern sein, von denen einige auch dem Menschen gefährlich werden können. Dabei wird die tatsächliche Gefahr aber oft maßlos übertrieben. Insbesondere dann, wenn der angebliche Seuchenträger ohnehin schon als "Niederwildschädling" abgestempelt ist, steigert sich berechtigte Vorsicht unter Umständen zu wahrer Hysterie.

Der Fuchs, ärgster natürlicher Konkurrent der Jäger, hat hierunter besonders zu leiden. Bis in die 80er Jahre hinein wurde er als angeblich besonders bedeutender Tollwutüberträger erbarmungslos mit Fallen und dem Gewehr verfolgt - ohne jeglichen Erfolg. "Die Vergangenheit hat gezeigt“, so stellte etwa schon 1991 das Düsseldorfer Umweltministerium in einem Runderlaß ernüchternd fest, "daß die für die Bekämpfung der Tollwut erforderliche Verringerung der Fuchspopulation durch Bejagung ... nicht erreicht worden ist“. Für das Verschwinden der Tollwut, die beim Menschen im Vergleich zu anderen Viruserkrankungen ohnehin immer schon eine mehr als untergeordnete Rolle gespielt hat, sorgte dann kurze Zeit später eine großangelegte Impfkampagne unter den Füchsen.

Kaum ist die Tollwut in Deutschland weitgehend aus freier Wildbahn verbannt, da muß ein neues Schreckgespenst her - der Fuchsbandwurm. "Das Infektionsrisiko für den Menschen ist überall relativ gering", stellt zwar selbst der Landesjagdverband Baden-Württemberg in einer einschlägigen Broschüre fest. Auch müßte, wollte man ihn wirklich wirksam bekämpfen, ebenfalls zum Halali auf alle anderen Überträger wie Hund, Hauskatze und Feldmaus geblasen werden. Biologen befürchten sogar, daß die Jäger mit ihrer auf den Abschuß fixierten Vorgehensweise die Ausbreitung von Wildtierseuchen eher noch fördern. Jeder Altfuchs besitzt ein mehr oder weniger großes Revier, das er gegen Eindringlinge vehement verteidigt. Wird er getötet, wandern Jungfüchse ein, die Fuchspopulation gerät in Bewegung. Da dies, dank einer Fuchsstrecke von mehr als einer halben Million alljährlich erlegter Tiere, republikweit hunderttausendfach passiert, befinden sich Deutschlands Füchse womöglich in einer ständigen und diesem Ausmaß ganz sicher unnatürlichen Migration - die beste Voraussetzung für die rasche Ausbreitung von Seuchen. Während man beim Menschen seit Jahrhunderten die Verbreitung ansteckender Krankheiten zu stoppen sucht, indem man betroffene Regionen möglichst isoliert, wird beim Fuchs genau das Gegenteil praktiziert.

Der Mangel an Argumenten dämmert anscheinend auch einigen bundesdeutschen Jagdfunktionären. Man versucht, ihn mit immer schrilleren und agressiveren Tönen auszugleichen. Und so mutiert manche deutsche Jagdzeitschrift zunehmend vom Waidmannsjournal zum lodengrünen Propagandablatt. Da bekommen Medien, die jagdkritisch zu berichten wagen, wie die ”Welt am Sonntag” und selbst die ARD-Tagesthemen ebenso ihr Fett weg, wie der Bischof der nordelbischen Landeskirche oder das Häuflein selbstkritischer Jäger, das sich in Gruppen wie dem Ökologischen Jagdverband zusammengeschlossen hat. Kein Wunder, daß auch das Komitee gegen den Vogelmord immer öfter mit von der Partie ist. Kaum ein Monat vergeht inzwischen, in dem nicht irgendeine Jagdzeitschrift über uns wegen unserer Maßnahmen zum Schutz von Wildgänsen, Kormoranen und Greifvögeln herfällt. Nehmen wir es mit Gelassenheit hin. In den Niederlanden verbannt bereits ein neues Faunagesetz überkommene Waidmannstraditionen konsequent in die ewigen Jagdgründe (s. Bericht S. 29). Die Naturschützer, so meinten die Politiker im Den Haager Parlament, hatten ganz einfach die besseren Argumente.

Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr.3 (1999)
Autor: Eugen Tönnis

weitere Informationen zum Thema Jagd in Deutschland erhalten Sie hier...

30.5.2006 15:21:01



Optionen zu diesen Artikel:


159520 Besucher seit 20.04.2004.

Nach oben.