„Als ich jedoch mehr oder weniger zufällig geradewegs über mich schielte, prahlte er dort auf einem besonders starken Ast und balzte sein Liebeswerben in die Stille des werdenden Tages. (...) Der Schuß auf keine dreißig Schritt steil nach oben, ich hatte die Bockbüchsflinte am Bergstock angestrichen, ließ ihn über die Äste nach unten poltern, so er noch einmal mit den Schwingen und dann verendet war. Mitten in einem Meer blühender Seidelbaststräucher sah ich ihn liegen.“ Diese Beschreibung einer Auerhahnjagd verdankt die Welt einem Jäger aus Hessen, der in Österreich seinen ersten „Urhahn“ schoss. Was für den Jäger ein prickelndes Abenteuer darstellt, ist für viele Naturschützer unbegreiflich. Da fährt der Mann viele hunderte Kilometerin in die Steiermark, hat dort das Glück, die Balz der scheuen Auerhühner erleben zu dürfen und hat tatsächlich nichts besseres zu tun, als den Hauptdarsteller des Naturschauspiels so schnell wie möglich umzulegen. Kosten tut so ein Spaß am Ende ca. 3000,- DM inklusive Ausstopfen und Transport der Trophäe nach Deutschland.
Etwa 10 Prozent der deutschen Jäger sind regelmäßig im Ausland unterwegs, um dort der lokalen Tierwelt nachzustellen. Organisiert werden die Reisen von Privatpersonen und Agenturen, die damit gute Geschäfte machen. So kostet z.B. der Abschuß eines Wolfes in Polen 5000,- DM, das Erlegen eines Löwen in Namibia wird schon mit 20.000 Dollar berechnet und wer in der Mongolei eines der vom Aussterben bedrohten Argali-Bergschafe vom Bergkamm fegen will, muß bis zu 150.000 Dollar auf den Tisch legen. Eine Art Großmarkt für Jagdreisen ist die alljährlich in Dortmund organisierte Jagd- und Trophäenmesse „Jagd und Hund“. Der Andrang hier ist riesig. Trotz der Proteste von Tier- und Artenschützern verzeichnen die Veranstalter jährlich neue Besucherrekorde. Fast jedes afrikanische Land bietet hier die einheimische Fauna zum Abschuß an. Besonders begehrt sind Afrika`s Big Five – Löwe, Büffel, Nashorn, Leopard und Elefant. Viele Anbieter offerieren Pakete, in denen der deutsche Waidmann innerhalb einer Woche alle fünf Arten erledigen kann.
Neben den traditionellen Jagdgründen der Großwildjäger in Afrika und Nordamerika drängen in letzter Zeit immer mehr osteuropäische Länder auf den Markt. Die Jagd dort ist meist weitaus günstiger und vor allem bizarrer: Wer z.B. schon immer mal mit automatischen Gewehren auf Wildgänse am Schlafplatz schießen wollte und sich durch deutsches Jagdrecht daran gehindert sah, fährt heute einfach mit der Fa. Bul Hunt nach Sofia. Wem danach gelüstet, einmal ein Rudel Wölfe vom Hubschrauber aus unter Feuer zu nehmen, der wendet sich an einen der zahlreichen russischen Jagdreiseanbieter. Auch Leuten, die in ihrer Freizeit gerne Primaten töten, wird geholfen. Den Pavian-Blattschuß gibt´s schon für 500 Dollar. Neben solch erstaunlichen Angeboten finden sich aber auch bei uns heimische Arten auf der Abschußliste. Kapitale Rothirsche aus Ungarn locken den deutschen Waidmann ebenso in die Ferne wie prächtige Birkhühner in Norwegen. In Deutschland profiliert sich indessen die Jägerschaft mit der Hege und Pflege dieser Arten. Jagd soll hier als angewandter Naturschutz gelten. Niemand hat bisher allerdings von einem Grünrock gehört, der nach Polen gefahren ist und dort 15.000 Mark gezahlt hat, nur um einen Hirsch hegen zu dürfen.
In den betroffenen Ländern ist man meist froh über die finanzkräftige Kundschaft. Jäger sind Devisenquellen. „Einer bringt soviel Geld ins Land wie ein ganzer Bus Neckermänner.“ Dieser Satz des Jagdreiseveranstalters Egon Lechner im „Stern“ macht deutlich, warum es vor Ort selten Widerstand gegen die Trophäensammler gibt. Die Jagd als moderne Form der Entwicklungshilfe ? Prestigeobjekt der Jagdlobby ist das sog. Projekt CAMPFIRE in Zimbabwe. Ein Teil der Abschußgebühren wird hier in die regionale Entwicklung der Region gesteckt. Angeblich wird penibel darauf geachtet, daß nur soviele Tiere geschossen werden, wie auch wieder geboren werden. Dieses Prinzip der sog. nachhaltigen Nutzung von Wildtierbeständen gilt mittlerweile weltweit als Bollwerk gegen die Argumente von Tierschützern und Ökologen gegen die Auslandsjäger. Dabei sind es vor allem ökologische Kriterien, die in den Managementplänen der Jagdveranstalter fehlen. So wird die Bedeutung alter erfahrener Männchen in Fortpflanzung und Sozialstruktur von Elefantenherden oder Löwenrudeln nicht beachtet. Im Gegenteil, gerade diese Tiere haben die Schützen besonders gern im Fadenkreuz. Der selektive Abschuß der stärksten Exemplare für die Trophäensammlungen bedeute außerdem langfristig eine genetische Verarmung der Populationen, so befürchten Zoologen. Dennoch ermitteln die meisten Länder ihre Abschußquoten weiterhin auf Grundlage rein numerischer Bestandserhebungen. So wurden z.B. die Trophäenquoten für Afrikas Leoparden auf den Vertragsstaatenkonferenzen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) routinemäßig bis auf 2100 Abschusslizenzen (1998) erhöht.
Ein Ende oder gar Verbot dieses blutigen Sports ist nicht abzusehen. In Zeiten, in denen die Jagd in Deutschland immer unbeliebter wird und das Artenschutzrecht die Waidfreuden hierzulande immer mehr einschränkt, weichen viele Jäger gerne ins Ausland aus. In eine Welt, wo Männer angeblich noch Männer sind und nicht von grünen „Spinnern“ gestört werden.
Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr.3 (1999)
Autor: Axel Hirschfeld, axel.hirschfeld@komitee.de
30.5.2006 15:18:23
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