Ein kalter Windzug umstreicht meinen Kopf, als ich, wie in jedem Jahr, im Januar im Rurtal stehe und angestrengt in die Dämmerung hineinlausche. Immer wieder richte ich mein Fernglas auf den steil aus dem Eichenwald aufragenden Felsen. Zuerst kaum zu vernehmen, dann zunehmend lauter und HUUUU aus der Felswand zu mir herüber. Das Uhu- Männchen ruft. Nach wenigen Minuten antwortet das Weibchen aus dem Nachbarfels. Die Uhus balzen wieder, wie in jedem Jahr. Ich jubele innerlich vor Freude.
Kletterfreuden gegen Uhuschutz
Im Juni werde ich nachts wieder an der gleichen Stelle stehen und vergeblich auf die Bettellaute der Junguhus warten. Wieder hat das Uhu-Pärchen keine Jungen großziehen können, wie in jedem Jahr. Trotz Verbotes sind Kletterer im Frühjahr wieder illegal in den Felsen geklettert, verantwortungslose oder unwissende Wanderer auf dem Felskopf herumgeturnt und haben somit eine erfolgreiche Brut verhindert. Für die Naturschützer der Gegend eine weitere bittere Enttäuschung, jedoch keine Überraschung. Wilhelm Bergerhausen von der Gesellschaft zur
Erhaltung der Eulen: „Unsere Untersuchungen haben ergeben, daß der Bruterfolg des Uhus im Rurtal um 56 % geringer ist, als in vergleichbaren Mittelgebirgen, in denen nicht geklettert wird!"
Lebensraum hoch spezialisierter Arten
Die Rede ist von den Buntsandsteinfelsen im Rurtal bei Düren, gelegen in der Eifel zwischen Köln und Aachen. Die Rur hat vor Jahrtausenden die roten Buntsandsteinschichten der Nordeifel angeschnitten und imposante Felswände und -türme, überhängende Felsvorsprünge und Pilzformen herausgebildet. Es entwickelten sich hochsensible, speziell angepaßte Tier- und Pflanzengesellschaften. Das Gebiet ist Lebensraum von Uhu und Wanderfalke, Haselhuhn, Mauereidechse und Schlingnatter, Wildkatze und verschiedenen Fledermausarten, alles auch im internationalen Vergleich hochgradig vom Aussterben bedrohte Tierarten. Da die imposante Felslandschaft für Wanderer und Freizeitsportler, insbesondere Kletterer aus den umgebenden Ballungsgebieten, gleichsam attraktiv ist, ist der Konflikt vorprogrammiert.
Masse zerstört die Klasse
Die stetig ansteigenden Zahlen von Individualkletterern sowie kommerziell betriebenen Kletterschulen haben zu erheblichen und teils irreversiblen Schäden geführt. Die Felswände sind mit mindestens 5.000 Kletterhaken vernagelt. Die Vegetation ist zerstört, die Felsköpfe blank, Bäume wegen des Anbringens von Kletterseilen beschädigt, der Boden verdichtet, die Erosion wird gefördert, Baumwurzeln sind freigelegt. Die Folgen für die Tierwelt sind fatal. Mehrfach wurden Uhubruten gestört, manchmal blieben sie aus oder die Jungen kamen um, weil sie in die Tiefe stürzten, nachdem sie von Kletterern und Wanderern aufgestöbert worden waren. Der Wanderfalke hat sich bis heute nicht wieder angesiedelt, da er an den ehemaligen Brutfelsen ständig durch Kletterer gestört wird. Als die Zerstörung dieses wertvollen Lebensraumes immer offensichtlicher wurde, wurde das Gebiet unter Naturschutz gestellt und gegen den Widerstand
von Sportverbänden, hier insbesondere gegen den des Deutschen Alpenvereins (DAV), als international geschützter Lebensraum gemeldet. Die nordrheinwestfälische Landesanstalt für Ökologie stellte in ihrem Gutachten über die Buntsandsteinfelsen fest: „Nur eine Unterschutzstellung der Felsen mit einem generellen, ganzjährigen Kletterverbot kann einen wirksamen, nachhaltigen Schutz gewährleisten."
Kein Schutz trotz Naturschutz
Doch weit gefehlt, wer glaubt, daß die Pflanzen und Tiere nun wirklich geschützt seien. Die örtlichen Naturschützer haben schweren Herzens einem Vorschlag zugestimmt, der das Klettern an 16 einzeln stehenden Felsen erlaubt. Obwohl der DAV auch dieser Lösung zustimmte, wurde dieser Kompromiß von den Kletterern heftig torpediert. Es wurde sogar unverhohlen dazu aufgefordert, an gesperrten Felsen zu klettern. Bis zum heutigen Tag fordert der DAV die Freigabe immer weiterer Felsen, bombardiert den Petitionsausschuß des Landtages mit Serienbriefen und putzt die Klinken im Landtag. Mit Erfolg. Es wurde ein weiteres Felsmassiv im Schutzgebiet, die Burgwand, zum Klettern freigegeben. Ein Protestschreiben der Naturschutzverbände wurde vom zuständigen Regierungspräsidium erst gar nicht beantwortet, die grüne Umweltministerin Bärbel Höhn ließ mitteilen, daß man die zusätzliche Freigabe als einen „naturverträglichen Kompromiß" betrachte. Dabei ist der Fels ein traditioneller Brutplatz des Uhus. Wenige Monate zuvor war ein Junguhu eben hier zu Tode gekommen, nachdem er durch illegales Klettern gestört wurde und aus der Brutwand heraus zu Tode gestürzt war.
Vertreter des Eifelvereins, ein örtlicher Wanderverein, scheuten nicht einmal davor zurück, den Naturschützern zu unterstellen, sie hätten den Vogel dort hingelegt! An einem anderen Buntsandsteinfelsen, der Hochkoppel, führt ein Wanderweg unmittelbar an einem Uhubrutplatz vorbei. Trotz mehrfacher Hinweise der Naturschützer auf die gefährdete Brut waren weder die zuständige Gemeinde Kreuzau noch die Untere Landschaftsbehörde des Kreises Düren bereit, diesen Weg effektiv zu sperren. Der Fels wurde illegal betreten, es wurde illegal geklettert und prompt kamen zwei von drei Junguhus zu Tode, weil sie aus dem Brutplatz in die Tiefe stürzten. Der Uhu war im Rurtal in den 60er Jahren vom Menschen erfolgreich ausgerottet worden und konnte durch die „Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen" wieder angesiedelt werden. Es ist nur zu gut zu verstehen, daß sich die ehrenamtlichen Naturschützer nun um den Erfolg ihrer Arbeit betrogen sehen, weil die zuständigen Behörden und verantwortlichen Politiker nicht bereit sind, die gesetzlich vorgeschriebenen Maßnahmen zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Tierarten umzusetzen. Noch schlechter ergeht es dem Wanderfalken. Die vier traditionellen Brutplätze in den Felsen des Rurtales sind durch direkte menschliche Verfolgung zerstört worden, 1957 brütete er das letzte Mal erfolgreich. Es wurden nicht nur die Eier geraubt, ja man schreckte nicht einmal davor zurück, einen ganzen Brutplatz in die Luft zu sprengen.
Selbst als der Wanderfalke in der Bundesrepublik kurz vor dem Aussterben stand, erteilte die Bezirksregierung in Köln noch die Genehmigung, Jungfalken für das fragwürdige Hobby der Falknerei aus den Horsten zu rauben. Seither verhindern fortlaufende Störungen durch Kletterer und Wanderer an den ehemaligen Brutfelsen, daß sich der Wanderfalke wieder ansiedelt, obwohl er regelmäßig von Ornithologen im Rurtal beobachtet wird. „Ein Narr, wer da glaubt, daß sich der Wanderfalke bei den derzeitig geduldeten Störungen wieder ansiedeln kann", so ein enttäuschter Naturschützer vor Ort. Doch der ehemalige Oberkreisdirektor und jetzige Vorsitzende des Eifelvereins hat die Lösung parat: „Dann muß der sich eben einen anderen Felsen suchen!" Bleibt nur die Frage, ob der Wanderfalke das auch so sieht. In den letzten 15 Jahren jedenfalls nicht.
Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr. 5 (2001)
(c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord
Autor: Dr. Jürgen Klünder, Düren
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30.5.2006 14:41:48
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