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Skandinavien: Die Jagd auf Wolf, Luchs, Vielfraß und Braunbär

"Wenn es um die Verwaltung von Walen und Raubtieren geht, tun wir, was wir für richtig halten", sprach Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg und ließ die Waffen laden. Nachdem sich im Norden Europas eine halbwegs sichere Wolfspopulation etabliert hat und in Schweden in diesem Winter erstmals die Wolfsjagd verboten wurde, rückt man Isegrimm nun im Land der Fjorde, Robbenschläger und Walfänger auf den Pelz.

Der Wolfsbestand in Mittelskandinavien, in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts beinahe verschwunden, wird heute auf 70 bis 80 Tiere geschätzt. Sie leben in 10 Rudeln, drei davon in Norwegen, drei in Schweden und vier im Grenzbereich beider Länder. . Einen Kontakt zu ihren Artgenossen in Finnland und Rußland haben sie schon lange nicht mehr. Die Rentierzüchter in Lappland, ganz im Norden Skandinaviens, lassen kein Tier passieren, das ihren Haustieren schaden könnte. Aber auch den Wölfen weiter südlich weht ein eisiger Wind der Verachtung entgegen. Auf schwedischer Seite sind es die Jäger, die immer wieder einen der rund 500.000 Jagdhunde an einen Wolf verlieren. In Norwegen machen dagegen vor allem die Bauern mobil, weil einige hundert ihrer 2,4 Millionen Schafe jährlich als Wolfsmahlzeit enden. Für jedes gerissene Schaf zahlt der Staat 400 Mark, weit mehr als die Tiere wert sind. Doch um Geld geht es hier gar nicht. Es ist tief verwurzelter Haß, der die Menschen gegen das heimliche Tier aufbringt.

Schweden und Norwegen hatten sich eigentlich darauf verständigt, den Wolfsbestand in ihren Ländern auf insgesamt mindestens 200 Tiere anwachsen zu lassen, damit die Art eine reelle Überlebenschance hat. Doch bereits im Wahlkampf wollte die regierende norwegische Arbeiterpartei davon nichts mehr wissen und versprach ihren Wählern ein wolfsfreies Land. Folgerichtig gab Oslo im Januar 2001 neun von den knapp 25 norwegischen Wölfen zum Abschuß frei. Sie ahnten nicht, daß der ansonsten stahlseildicke Geduldsfaden der in Naturschutzfragen sehr eigenwilligen Norweger plötzlich rissig geworden ist. Angeführt von der "Foreningen Vare Rovdyr" (Vereinigung Raubtierschutz) und dem WWF Norwegen rollte eine europaweite Welle der Empörung auf die Verantwortlichen zu. Binnen weniger Tage erreichten Tausende Protestbriefe und -mails die Regierung. Das rege Interesse rief die Diplomaten auf den Plan und nachdem Schwedens Umweltminister Kjell Larsson das norwegische Vorhaben als "Abschlachterei" bezeichnete, trafen sich die beiden Ministerpräsidenten der Bruderstaaten in Oslo. Doch Norwegen blieb stur und hielt an den Abschußplänen fest. Auch die negative Presse, der Londoner "Daily Mirror" z.B. titulierte Norwegen als "halbverrücktes Wikingerland" und "kuriosen Randstaat", konnte daran nichts ändern.
Als ein von den Raubtierschützern wegen Verstoß gegen die Berner Konvention eingeleitetes Gerichtsverfahren erfolglos blieb, gingen die Jäger auf die Pirsch. Die erste Hatz wurde Dank der angereisten Weltpresse erfolglos eingestellt. Alle Tiere hatten ob des Auflaufes das Weite gesucht. Doch schon wenige Tage später, am 19. Februar, wurde der erste Wolf erlegt. Mit Schneescootern, Hubschraubern und grobem Wolfsschrot ausgestattet, fielen die Jäger in die Wälder Mittelnorwegens ein und töteten binnen kürzester Zeit auch die anderen acht Tiere. 

Die Wölfe sind nur die Spitze der Raubtiertragödie. In Norwegen waren auch im Winter 2000/2001 wieder alle anderen Großraubtiere - Robben, Luchse, Bären und sogar Vielfraße - zum Abschuß freigegeben. Und als reichte das nicht, hat man in der nördlichsten Provinz Finnmark den Rentierzüchtern zusätzlich die Jagd auf Steinadler erlaubt. Schweden ist im Fall "Wolfsjagd in Norwegen" international besonders gut weggekommen - zu Unrecht! Zwar ist der Wolf, nicht zuletzt aufgrund der Proteste des Komitees gegen den Vogelmord, erstmals seit vielen Jahren nicht zum Abschuß freigegeben worden, die anderen Raubtiere haben aber auch hier wenig zu lachen. Insgesamt durften erneut 70 Braunbären (Gesamtbestand ca. 600 Tiere) und 127 Luchse (Gesamtbestand ca. 500 Tiere) getötet werden. Lediglich der Vielfraß - am Rande der Ausrottung - blieb vorerst verschont. Was allenthalben - in Norwegen wie im EU-Land Schweden - verschwiegen wird, ist die weit verbreitete Wilderei. Besonders in den Rentiergebieten ist es für die dort lebenden Samen ("Lappen") ein täglicher Volkssport, auf die Raubtierjagd zu gehen. Hier achtet niemand auf die Jagdgesetze, auf Jagdzeiten oder Schutzgebiete. Problemlos lassen sich bei Lapplands Jägern bis zum heutigen Tage illegal getötete und ausgestopfte Vielfraße, Luchse, Bären, Wölfe sowie präparierte Steinadler und andere Greifvögel erwerben. In Süd- und Mittelschweden sind die Wälder mit illegalen Totschlagfallen - vor allem für den Luchsfang - vollgestellt. Die Devise lautet: "Nur ein totes Raubtier ist ein gutes Raubtier". Ob Wölfe, Adler, Robben oder Wale: Natur- und Artenschutz wird, entgegen der landläufigen Meinung, in allen skandinavischen Staaten klein geschrieben. Der blinde Haß auf Raubtiere und die Ansicht der Mehrheit der Bevölkerung, die sie umgebenden Tiere schonungslos nutzen zu dürfen, läßt befürchten, daß die Raubtiere nur noch ein kurzes Gastspiel im Norden unseres Kontinents geben. 

Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr. 5 (2001)
(c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord

Autor: Alexander Heyd

gedruckte Exemplare sind erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V., Auf dem Dransdorfer Berg 98, 53121 Bonn, Tel: 0228-665521, Fax: 0228-665280

Email: info@komitee.de         

19.10.2004 11:27:00



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