Artenschutzbrief Nr. 11.


Artenschutzbrief Nr. 10.


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Artenschutzbrief Nr. 1.

Einsatz am Iseosee

Jedes Jahr im Herbst veranstaltet das Komitee gegen den Vogelmord gemeinsam mit seinen italienischen Partnerverbänden ein Zugvogelschutzcamp in den Bergen Norditaliens. Hier der Bericht eines ganz normalen Tages während des Camps 2000, es ist der 9. Oktober. Kurz vor 6 Uhr morgens wache ich in unserer Ferienbungalowsiedlung bei Sarnico von den ersten Schüssen vom nahegelegenen Iseosee auf. Gestern Abend waren noch viele Kolbenenten auf dem See, doch die kann und will niemand von den jagdbaren Arten unterscheiden. Immerhin ist es noch dunkel. Meine Gedanken werden vom Weckdienst unterbrochen. Filippo, ein Mitstreiter aus Mailand, schmettert ein fröhliches "Buon giorno". Es bleibt kaum Zeit, mit der kurzen Nacht oder dem Entenjäger zu hadern - der nächste Tag steht vor der Tür und eine weitere Aktion gegen die Vogelfänger, wie schon in den vergangenen 10 Tagen

Es regnet mal nicht - ein Grund mehr, zügig in die Gänge zu kommen. In den anderen Bungalows beginnen ebenfalls morgendliche Aufstehrituale. Insgesamt 11 deutsche und 9 italienische Mitglieder des Komitees gegen den Vogelmord sind zur Zeit anwesend. Der Zeitplan ist eng: Abfahrt ist um 7 Uhr, Treffpunkt mit einem Kamerateam des Fernsehsenders Arte und drei weiteren Italienern aus Mailand ist die Carabinieristation in Tavernole um 8 Uhr. In Tavernole bleibt Zeit für einen Espresso, während zwei Mitarbeiter der Gruppe ein kurzes Gespräch mit dem Hauptmann der Carabinieriwache führen. Ihm wird von unserem heutigen Vorhaben berichtet, Handynummern werden ausgetauscht. Wenn wir Probleme haben, ist ein Fahrzeug der Carabinieri meist in 20 Minuten zur Stelle, was schon oft Schlimmeres verhindert hat. In besonders gefährlichen Bereichen werden wir auch von bewaffneten Polizisten begleitet, doch heute scheint das nicht nötig zu sein.

 Nach einer weiteren halben Stunde Fahrt, es ist fast 9 Uhr, sind wir im Zielgebiet. Pertica Alta ist eine Streusiedlung auf etwa 600 m Höhe. In den abgelegenen Dörfern ist die Zeit vor einigen Jahrzehnten stehen geblieben. Hierher verirren sich keine Touristen und schon gar keine Ausländer, auf der Fahrt betrachten uns bereits mißmutige Augenpaare. Hier in den Bergen Brescias verzichtet man auch heute noch nicht auf die traditionelle "Polenta üsei" - Maisbrei mit Singvögeln. Wir parken etwas abgelegen, drei Leute bleiben an den Fahrzeugen als Wachen zurück, damit man nicht am Ende des Tages eine neue Windschutzscheibe braucht - alles schon dagewesen. Wir entscheiden uns, zwei Gruppen zu bilden. Eine geht rauf und nimmt das Fernsehen mit, die andere geht runter. Grob verabredet wird die Rückkehr zu den Fahrzeugen um 16 Uhr. Ich gehe mit runter. Es geht weit bergab, durch Eßkastanien- und Fichtenwälder, bis sich der Wald etwas lichtet und zahlreiche Pfade die Gehölze durchziehen. Plötzlich entdecke ich etwa fünf Meter oberhalb unseres Weges rote Beeren. Mit einem Satz bin ich oben, ein kurzer Kampf mit einigen Brombeerranken und ich stehe vor einem "Archetto". Die 50 cm große Falle besteht aus einem Metalldraht, der mit einem empfindlichen Mechanismus fängig gestellt wird. Die leuchtend roten Beeren locken in erster Linie keine Naturschützer, sondern Rotkehlchen und Drosseln an, die sich beim Anflug in einer Schlinge verfangen. Der unter Spannung stehende Draht schnellt auseinander und zerschlägt dem Vogel die Beine, der kopfüber in der Falle hängen bleibt - lebendig. Wer nicht tot ist, bleibt länger frisch. Archetti sind seit langem verboten, doch hier in den Bergen gehen die Uhren anders. Wie immer werden die Fallen auf Pfaden im Abstand von zwei bis drei Metern aufgestellt. Die anderen haben sich unterhalb des Weges in die Büsche geschlagen, und auch sie werden fündig. Kurze Zeit später treffen wir uns wieder auf dem Weg. Insgesamt 35 Fallen, glücklicherweise ohne Vögel. Die Fallen sind schwer und unhandlich. Wir entschließen uns, sie an Ort und Stelle zu zerstören. Mit zwei Bolzenschneidern sind die Archetti schnell in ihre Einzelteile zerlegt und im Dickicht unterhalb des Weges versteckt. Es geht weiter und wir erreichen ein Gebüsch unterhalb einer Ortschaft. Das Gelände scheint ideal für den Vogelfang zu sein. Stefano aus Mailand geht vor, um die Lage zu sondieren, der Rest wartet und freut sich über die kleine Pause. Doch die Ruhe währt nicht lange, denn schon nach einer Minute hört man Stefano "Tutto pieno!" (Alles voll!) aus dem Gebüsch rufen. Wir verteilen uns im Hang, dessen verzweigte Pfade tatsächlich voller Archetti stehen. Ich habe gerade die ersten Fallen abgebaut, da sehe ich ein Rotkehlchen kopfüber in einer Falle hängen, zehn Meter vor mir. Als ich näher komme, fängt das völlig verängstigte Tier an zu flattern. Mit einem Blick sehe ich, daß hier jede Hilfe zu spät kommt. Das Rotkehlchen hängt mit beiden Beinen in der Falle, sie sind völlig zersplittert, Blut tropft über die Federn des kleinen zitternden Vogels. Was zu tun ist, ist klar, doch ich fürchte mich jeden Tag erneut vor diesem Schritt. Ich fühle das warme Blut in meiner Hand und es ist genauso schlimm wie beim ersten Mal. Wenn man Wut verspürt, dann genau in diesem Moment. Es geht weiter. Den Gesprächen über und unter mir im Hang entnehme ich, daß noch weitere Vögel gefunden wurden, allesamt ohne Aussicht auf Rettung. Kaum 20 Fallen und 50 Meter weiter hängt der nächste Vogel in einem Archetto, wieder ein Rotkehlchen. Doch dieses ist bereits tot, gestorben am Schock oder an Unterkühlung. Die Gruppe hat sich etwas verloren, das Gebiet des Vogelfängers ist sehr groß. Doch nach und nach finden sich alle wieder ein, jeder mit Bergen von Fallen. Wir beginnen mit dem Zerstören, die Ausbeute bei diesem Vogelfänger sind stolze 215 Fallen, insgesamt 11 Vögel, davon waren nur drei bereits tot.

Als wir unseren Weg fortsetzen und nach einiger Zeit aus dem dichten Wald treten, stehen wir vor einem Capanno. Diese Schießstände finden sich zu Tausenden in den Bergen, ganz legal. Um die in der Mitte plazierte Hütte sind beerentragende Gehölze gepflanzt, in kleinen Käfigen fristen Amseln, Rot- und Singdrosseln ihr Dasein. Sie wurden den ganzen Sommer über in dunklen Kellern gehalten. Wenn sie jetzt im Herbst ans Tageslicht kommen, beginnen sie zu singen und locken so ihre vorbeifliegenden Artgenossen direkt vor die Flinten der Jäger. Der Boden ist übersät mit leeren Schrotpatronen. Doch wie fast überall in Europa verstecken sich hinter der legalen Jägerfassade die Wilderer und Vogelfänger. So auch hier: Es dauert keine zwei Minuten, bis ich neben dem Pfad des Jägers ein Japannetz entdecke. Zwei Meter hoch, acht Meter lang, 5 Vögel: 2 tote Rotkehlchen, 1 tote Amsel und 1 tote Schwanzmeise, aber auch eine lebendes Rotkehlchen. Das Tier ist hoffnungslos verheddert, aber nach einigen Minuten ist es mittels Nagelschere befreit. Piero, Komiteemitglied aus Modena, hat währenddessen das Netz abgebaut und das Rotkehlchen kann freigelassen werden. So niederschmetternd wie das Töten eines Vogels ist, so viel Freude bereitet aber auch die Freilassung. Der Nachmittag bringt noch drei weitere Fallenpfade mit insgesamt 191 Archetti. Da es bereits auf 16 Uhr zugeht, entschließen wir uns zum Aufstieg und gehen über die Straße zurück zu den Fahrzeugen. Unvermeidlich dabei der Weg durch das Dorf, in dem die Vogelfänger, denen wir das ein oder andere Abendessen gerade kräftig verdorben haben, wohnen. Und wie zu erwarten war, gerät der Gang durch das malerische Bergdörfchen zum Spießrutenlauf. Ob wir denn nichts besseres zu tun hätten, werden wir gefragt. Die Kinder in Afrika würden verhungern, darum sollten wir uns mal kümmern. Ein alter Mann beschimpft uns unflätig, zwei Jüngere überspielen ihre Wut mit falschem Grinsen. Hätten wir jetzt alle Fallen geschultert, hätten wir keine Chance, unverletzt das Dorf zu verlassen. Nach 30 Minuten Fußmarsch erreichen wir den Parkplatz. Alle anderen sind bereits da, das Fernsehteam filmt die Ausbeute des Tages, denn die andere Gruppe hat zumindest einen Teil der Fallen mit ins Tal gebracht. Wir legen zu dem Berg toter Vögel unsere noch dazu. Insgesamt über 30 tote Vögel, zudem 3 Netze und 761 Archetti. Sechs Vögel - 4 Rotkehlchen und zwei Singdrosseln - konnten freigelassen werden.

 Was auf den ersten Blick sehr viel erscheint, ist aber dennoch ein Erfolg: Im vergangenen Jahr hat das Komitee hier fast 1500 Fallen vom Berg geholt. Wie überall geht der Vogelfang zurück, wenn man nur oft genug kontrolliert. 23 Naturschützer, ein Kamerateam und ein Haufen Fallen am Ende der Welt ziehen zwangsläufig die Aufmerksamkeit auf sich. Zwei schlecht gelaunte Herren in Jägerkleidung lehnen in 20 Metern Entfernung an ihrem Fiat, ein LKW-Fahrer hält an und verkündet, er würde uns die Reifen zerstechen. Das Handy hat kein Netz, die Carabinieristation rückt in weite Ferne. Um etwaigem Ärger zu entgehen, entschließen wir uns zum Aufbruch, es wäre nicht die erste Straßensperre der Jäger, in die wir geraten würden. Erst in der Dämmerung treffen wir wieder in Sarnico ein. Jetzt duschen, saubere Klamotten an, Kochen und ein verdientes Gläschen Wein. Wie immer nimmt man sich vor, früh ins Bett zu kommen und wie immer dauert die abendliche Lagebesprechung bis Mitternacht. Aber irgendwann verschwindet auch der letzte aus unserem Bungalow, um in fünf Stunden wieder unsanft und deutlich zu zeitig aus dem Bett geworfen zu werden. 

Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr. 5 (2001)
(c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord

Autor: Alexander Heyd

gedruckte Exemplare sind erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V., Auf dem Dransdorfer Berg 98, 53121 Bonn, Tel: 0228-665521, Fax: 0228-665280

Email: info@komitee.de         

19.10.2004 11:23:56



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