Die Dame am Telefon ist sichtlich besorgt. Gerade ist ein Mauerseglerjunges aus seinem Nest gefallen, direkt vor ihre Füße. "Was soll ich denn jetzt mit dem Vogel machen?" fragt sie. Für den Mitarbeiter des Komitees am anderen Ende der Leitung keine Frage: "Wir bringen ihn nach Kirchwald!". Die 1983 gegründete Wildvogel-Pflegestation Kirchwald in der Eifel ist heute die größte ihrer Art in Deutschland.
In ihrem 15.000 km2 großen Einzugsgebiet von Düsseldorf bis Mainz ist sie zwar nicht die Einzige, doch sie zeichnet sich durch eines aus: Vom Wintergoldhähnchen bis zum Höckerschwan wird alles aufgepäppelt, was der Hilfe bedarf. 1983 wurden gerade einmal 33 Vögel gepflegt, im Rekordjahr 1999 waren es sage und schreibe 963. Bis März 2001 stieg die Zahl der in den 17 Jahren "eingewiesenen" Tiere auf insgesamt 6628. Für Polizei, Feuerwehr, Naturschützer und besorgte Bürger ist 24 Stunden am Tag jemand da. Zwei Zivildienstleistende stehen ebenso zur Verfügung wie zwei junge Damen, die hier ihr "Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ)" ableisten. Der größte Teil der Arbeit bleibt freilich für Stationsleiterin Helga Steffens übrig. "Wenn ich die Leute schon im Frühjahr sagen höre: ,Ich bin urlaubsreif', kann ich nur den Kopf schütteln." Sie hat seit 17 Jahren keinen einzigen freien Tag mehr gehabt. Die Gründe des Zwangsaufenthaltes sind so vielfältig wie die gefiederten Patienten selbst. Auto- und Scheibenanflüge, Krankheiten, Schwäche, Stacheldraht- und Stromleitungsopfer, Vergiftungen, Abschüsse und immer wieder hilflose Jungvögel. Mehr als zwei Drittel der Tiere können nach wenigen Wochen wieder in die Freiheit entlassen werden. Neben den zweibeinigen hat man auch geflügelte Helfer akquiriert: Kanarienvogel Hansi ist mit der Aufzucht von Stieglitz-, Girlitz- und Hänflingsküken betraut und Uhupaar Hugo und Lena adoptiert jedes Jahr eingelieferte Junguhus. Beide Eulen sind Dauergäste, das Männchen wurde von einem Hühnerhalter mißhandelt, das Weibchen ist ein Gefangenschaftsvogel. In der Natur wären sie nicht mehr lebensfähig. Den Großteil der Patienten stellen Greifvögel wie Turmfalken und Mäusebussarde, daneben sind es vor allem junge Mauersegler, Amseln, Finken, Mehl- und Rauchschwalben, nebst Küken von Waldkäuzen und Schleiereulen. Aber auch seltenere Arten finden den Weg nach Kirchwald. Eisvögel, Sumpfohreulen, Stein- und Rauhfußkäuze, Wendehälse, Zwergtaucher und Gartenrotschwänze - etwa die Hälfte aller in Deutschland vorkommenden Vogelart waren schon einmal in Pflege. Gelegentlich kommen auch besonders illustre Gäste in die Station. In einem Winter vor einigen Jahren wurde ein verletzter Vogel auf dem Laacher See gemeldet. Mit einem Surfbrett paddelte ein Helfer durch das eiskalte Wasser und fand ein Knäuel aus Angelschnüren, Angelhaken und Federn, das sich nach dem Entwirren als arktischer Sterntaucher entpuppte. Nach einigen Wochen konnte der seltene Zugvogel am Rhein wieder in die Freiheit entlassen werden. Einer der seltensten Vögel Deutschlands, ein Ziegenmelker, wurde im Herbst 2000 eingeliefert. Der Vogel war bei Bonn vor einen Zug geflogen und hatte sich einen Flügelbruch und Kopfverletzungen zugezogen. Leider starb das Tier nach einigen Tagen. Besser erging es zwei jungen Kranichen, die am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag des vergangenen Jahres hintereinander eingeliefert wurden. Sie hatten sich während ihres Fluges in den Süden an Stacheldrahtzäunen schwer verletzt. Nachdem die Wunden verheilt waren, wurden sie bereits im Januar 2001 von einem Kranichschützer zu einem Überwinterungsgebiet in Frankreich gefahren und freigelassen. Das Engagement der Familie Steffens ist nicht unbeachtet geblieben. Nicht selten berichten Medien, von der Lokalpresse bis hin zum SWR, über die Arbeit der Tierschützer. Im Jahr 1999 erhielt die Wildvogel- Pflegestation Kirchwald den Umweltpreis der Karl-Kaus-Stiftung für Tier und Natur und im November 2000 verlieh ihr die rheinland-pfälzische Umweltministerin Klaudia Martini den Landes-Tierschutzpreis. Das Komitee gegen den Vogelmord hat die laufende Arbeit in der Station im Jahr 2001 mit 10.000 DM und durch Ausstattung mit einem modernen Datenverarbeitungssystem unterstützt.
Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr. 5 (2001)
(c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord
Autor: Raphael Lauber
gedruckte Exemplare sind erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V., Auf dem Dransdorfer Berg 98, 53121 Bonn, Tel: 0228-665521, Fax: 0228-665280
Email: info@komitee.de
19.10.2004 11:20:00
159516 Besucher seit 20.04.2004.