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Der einsamste Vogel der Welt

Fünfzehn Jahre lang bemühten sich Naturschützer, den seltenen Spixara vor dem endgültigen Aussterben in freier Wildbahn zu bewahren - vergebens. Nun verschwand auch das letzte freilebende Exemplar. Ein Nachruf auf eine durch menschliche Gier und die Sammelleidenschaft europäischer Vogelliebhaber ausgerottete Papageienart .

Trostlos war das Leben, das der letzte freilebende Spixara, der "wohl einsamste Vogel der Welt" (The Independent) über zehn Jahre hinweg in Brasilien fristete. Doch nun ist er spurlos verschwunden. Vergebens durchforsteten 15 Biologen noch kurz vor Weihnachten die Wälder entlang des Sao-Francisco-Flusses unweit der Stadt Curacá. Entweder ist er, so befürchten die Mitarbeiter der brasilianischen Artenschutzorganisation "Arinha Azul" (Kleiner blauer Ara), von einem Habicht erbeutet worden oder schlicht an Altersschwäche gestorben.

Besonders häufig war der Spixara wohl noch nie. Als ihn 1819 der Naturforscher Johann von Spix in der Savanne Nordostbrasiliens entdeckte, dürften in der Umgebung des Ortes Curacá wohl so gerade einmal 60 Exemplare gelebt haben. Zum Brüten benötigt der Vogel hohe Caraibeirabäume, und die wachsen nur an wenigen Wasserläufen. Kein Wunder, daß die Art alsbald ganz weit oben auf der Liste der bei Europas Vogelliebhabern besonders begehrten Papageien stand. Nach dem zweiten Weltkrieg setzte eine gnadenlose Verfolgung durch Vogelfänger und Tierhändler ein und schon bald lebten mehr Spixaras in Gefangenschaft als in freier Natur. 60.000 Dollar wurden Mitte der achtziger Jahre für ein einziges Exemplar auf dem Schwarzmarkt bezahlt, da lebten gerade noch drei Tiere in freier Wildbahn. 1990 war davon nur noch ein einziges Männchen übrig geblieben, der Rest war auf dem Vogelmarkt in Sao Paolo verhökert worden. Viel zu spät wurden Naturschützer auf die prekäre Lage der Art aufmerksam. Alle Hoffnung klammerte sich an den letzten freilebenden Spixara. Er wäre als Einziger dazu in der Lage gewesen, Jungvögeln Erfahrungen über Feinde oder Wasser- und Futterstellen zu vermitteln. 1995 versuchten Wissenschaftler erstmals, ein zuvor in Gefangenschaft lebendes Weibchen auszuwildern. Doch zunächst ignorierte der Umworbene die Braut und hielt sich lieber an ein Weibchen des nah verwandten Rotrücken-Aras, das er mangels Artgenossen bereits zuvor zur Lebenspartnerin erkoren hatte. Nach wochenlangen Bemühungen kam es überraschend dann doch zu einer Liason zwischen dem freilebenden Männchen und dem ausgewilderten Spixara-Weibchen, doch kurz darauf fand dieses ein jähes Ende an einer Hochspannungsleitung. Fünf weitere in Gefangenschaft gezüchtete weibliche Spix-Aras wurden importiert, um die Traumhochzeit zu wiederholen. Zu spät, jetzt ist das Männchen wohl endgültig verschwunden. Das Aussterben des Spixaras zeigt deutlich, wie trügerisch die von Vogelliebhabern, Tierhändlern und manchen Zoodirektoren immer wieder gehegte Hoffnung ist, in freier Natur ausgerottete Tierarten durch die Auswilderung von Gefangenschaftszuchten wieder einbürgern zu können. Zwar leben inzwischen etwa 180 in Volieren erbrütete Spixaras bei Liebhabern in der Schweiz, Deutschland und anderen europäischen Staaten, doch muß fraglich erscheinen, ob diese Vögel jemals in freier Wildbahn werden leben können. Bereits nach wenigen Generationen werden in Gefangenschaft aus Wildtieren degenerierte Haustiere, deren Auswilderung meist ähnlich erfolgversprechend ist, als wolle man den Wolf in Mitteleuropa durch die Auswilderung von Dackeln wieder einbürgern. Will man eine Art wirklich vor dem Aussterben bewahren, hilft nur, ihren Lebensraum zu schützen und gleichzeitig jegliche menschliche Verfolgung wie Fang, Jagd und Tierhandel strikt zu unterbinden. Auf gar keinen Fall dürfen auch weiterhin Wildtiere millionenfach für angebliche Zuchtprogramme zur Arterhaltung aus der freien Natur entnommen werden. Gelernt haben weder Vogelliebhaber noch Behörden aus dem Vorfall. Unverdrossen durchkämmen auch weiterhin Vogelfängerbanden die letzten intakten Urwälder nach Papageien, Prachtfinken und Kolibris und ebenso unverdrossen stellt das zuständige Bundesamt für Naturschutz auch weiterhin in trauter Eintracht mit den entsprechenden Behörden anderer EU-Staaten Importgenehmigungen für den europäischen Tierhandel aus. Bis auch andere Papageienarten wie der Hellrote Ara, der Hyazinthara oder der Gelbbrustara das Schicksal des Spixaras teilen, ist nur noch eine Frage der Zeit.

Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr. 5 (2001)

(c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord

Autor: Eugen Tönnis

gedruckte Exemplare sind erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V., Auf dem Dransdorfer Berg 98, 53121 Bonn, Tel: 0228-665521, Fax: 0228-665280

Email: info@komitee.de

1.9.2004 15:25:25



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