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Wahlkampf mit der Flinte

Der Chiemsee in Oberbayern gehört zu den bedeutendsten Feuchtgebieten Süddeutschlands. Folglich ist er auch EU-Vogelschutzgebiet, FFH-, RAMSARund obendrein auch noch Naturschutzgebiet. Eigentlich also bestmöglich geschützt. Das haben wohl auch die Kormorane gedacht, die hier 1994 - erstmals nach ihrer fast bundesweiten Ausrottung - zur Brut schritten. Und tatsächlich wuchs die Kormorankolonie mit den Jahren auf stolze 150 Paare.

Den Anglern und Fischern waren die Vögel bald ein Dorn im Auge. Die fischverzehrenden Kormorane wurden sofort als Konkurrenten erkannt und waren fortan der Sündenbock für alle Ertragsschwankungen der Fischerei. Ausschlaggebend für den Groll der Petrijünger waren dabei allerdings weniger wissenschaftlich untermauerte Fakten als vielmehr Futterneid und Stammtischgerede. Die Fischer dichteten dem Vogel ungeheuren Appetit an, er würde zahllose Fische nur verletzen und rotte diverse Arten aus. Tatsächlich sind die Fischbestände, allen voran die der begehrten Renke, rückläufig. Doch der See hat eine Fläche von rund 300 km2 und beherbergt mehrere Millionen Fische. Die Vorstellung, ein paar Kormorane könnten diese riesigen Bestände beeinflussen, ist abenteuerlich. Die wirklichen Ursachen für den Fischrückgang sind dagegen vielfältig. Die Renke etwa geht massiv zurück, seitdem die Chiemseegemeinden an die Kanalisation angeschlossen sind und somit weniger Nährstoffe durch Abwässer in den See gelangen. So geht der Anteil des Planktons - der Hauptnahrung dieser Art - zurück und mit ihm die Renken. Und dort, wo die Tiere einst ihren Laich auf den sandigen Seegrund abgelegt haben, siedeln nun flächendeckend die aus Asien eingeschleppten Dreikantmuscheln. So zerstören sie die Laichplätze der Renken. Auch die Wiedereinbürgerung des ausgestorbenen Perlfisches kann nicht als Argument gegen den Kormoran herhalten, denn die Art ist schon lange aus dem Chiemsee verschwunden - wegen Biotopzerstörung. Der kormoranfeindlichen Fischergilde kamen die Behörden erstmals vor zwei Jahren entgegen, als man den Einsatz von Laserwaffen gegen die brütenden Vögel genehmigte. In diesem Jahr gab man sich damit nicht mehr zufrieden und forderte eine Reduktion von 150 auf 20 Paare - dieses Mal mit der Flinte. Der eigentlich zwingend vorgeschriebenen sachlichen Prüfung des Anliegens durch die Regierung Oberbayerns kam ein Machtwort von Ministerpräsident Stoiber zuvor, der wahlkampfgemäß beschied, dem Antrag stattzugeben. Und so bekamen die Fischer die Genehmigung zum Abschuß von 145 Vögeln. Pünktlich zum Beginn der Brutzeit 2002 wurde zum Halali geblasen und rund 100 Kormorane im Vogelschutzgebiet getötet. Die massiven Proteste von Naturschützern - auch das Komitee wandte sich mit Schreiben an die Umweltausschußmitglieder des bayerischen Landtages - konnten das Massaker am Chiemsee nicht verhindern. Wahrscheinlich wird sich Herr Stoiber aber demnächst vor der EU-Kommission für seinen Handstreich erklären müssen, denn der Landesbund für Vogelschutz (LBV) hat eine Beschwerde bei der EUKommission in Brüssel eingelegt. Hoffen wir, daß man dort rasch reagiert, denn die Chiemsee- Fischer haben schon klargemacht, daß sie auch nächstes Jahr wieder auf die Kormoranpirsch gehen wollen.

Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr. 6 (2002)

(c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord

Autor: Alexander Heyd

gedruckte Exemplare sind erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V., Auf dem Dransdorfer Berg 98, 53121 Bonn, Tel: 0228-665521, Fax: 0228-665280

Email: info@komitee.de

19.7.2004 13:33:03



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