Wie immer im Spätherbst verbringen wir mehrere Wochenenden in den Rast- und Überwinterungsgebieten an Elbe und Havel, um die Einhaltung der Jagdbeschränkungen auf Wasservögel zu überwachen. Morgens und abends, wenn die Vögel in der Nähe der Schlafgewässer auftauchen, ist die Zeit der Jagd. Und dann sind auch wir vor Ort, um den Tieren durch unsere bloße Anwesenheit den ihnen zustehenden Mindestschutz zu gewähren. So war es auch am ersten Novemberwochenende im letzten Jahr.
Der Nachmittag des 2. Novembers 2001 hat schon turbulent angefangen. Wir sind auf dem Weg nach Havelberg im Norden Sachsen-Anhalts, wo wir schon öfters illegale Jagdgesellschaften entdeckt und zur Anzeige gebracht haben. Zufällig sehen wir auf dem Weg dorthin eine Gruppe Jäger bei Tangermünde und da wir noch etwas Zeit bis zur Abenddämmerung haben, parken wir am Rande einer Bundesstraße und beobachten die Gesellschaft, um etwaige Verstöße gegen die Jagdgesetze festzustellen. Wir finden allerdings nichts weiter Ungewöhnliches. Die über unsere Anwesenheit empörten Herren rufen derweil einen befreundeten Landwirt, der uns mit einem Traktor zuparkt und an der Weiterfahrt hindert. Erst die von uns zur Hilfe gerufene Polizei aus dem nahen Genthin kann uns aus der mißlichen Lage befreien. Mit mehr als einstündiger Verspätung können wir unsere Fahrt nach Havelberg fortsetzen. Jetzt ist Eile geboten, denn die Sonne steht schon tief am Himmel. Als wir endlich in Havelberg ankommen, ist es schon so dunkel, daß die meisten Gänse und Kraniche längst auf dem Schlafgewässer sind. Es scheint uns unwahrscheinlich, so spät noch einen Jäger zu finden, und wir wollen schon den Einsatz erfolglos abbrechen, als wir plötzlich in wenigen Kilometern Entfernung die Scheinwerfer eines Fahrzeuges an der Havel entdecken. Eilig in die Autos gesprungen, sind wir wenige Minuten später vor Ort, parken am Rande eines kleinen Dorfes und gehen zu der Stelle. Hier stehen an einem Waldrand tatsächlich mehrere Fahrzeuge, darunter ein Geländewagen aus dem sauerländischen Olpe. In der Ferne entdecken wir schemenhaft die Jäger im Halbdunkeln, kaum 100 Meter von der Grenze des international bedeutsamen Vogelschutzgebietes "Stremel" entfernt. In diesen Tagen schlafen hier etwa 20.000 Gänse, 10.000 Kraniche und Tausende anderer Wasservögel. Die Jagd ist hier unter diesen Umständen nicht erlaubt. Langsam gehen wir auf die gut 200 Meter weit entfernten Jäger zu und plötzlich stockt uns der Atem. Vor uns am Waldrand liegt ein scheinbar lebloser Körper! Als wir an ihn herantreten, stellt sich heraus, daß dort im Gras ein Jäger schläft. In der einen Hand die Flinte im Anschlag, in der anderen eine halbumgekippte Flasche Bier. Der Mann wacht auf, rappelt sich unbeholfen hoch und fängt gleich an, uns lallend in eine wenig erbauliche Diskussion über Jagd und Naturschutz zu verwickeln. Stockte uns zuvor der Atem vor Schreck, tut er es nun wegen der Fahne des Lodenträgers. Während er, immer noch die Flinte in der Hand, recht unzusammenhängende Dinge von sich gibt, fliegen die letzten Gänse über unsere Köpfe. Zwei der weiter entfernt stehenden Jäger schießen auf die Tiere, treffen sie aber wegen der Dunkelheit nicht. Wir entscheiden uns, zum Wagen zurück zu gehen und die Polizei zu rufen. Betrunken am Vogelreservat jagen, das ist die Höhe. Zunächst bekommen wir keine Verbindung, so daß wir schon wieder fast an unserem Auto sind, als wir die Beamten in Havelberg erreichen. Am Wagen entdecken wir einen Herrn mit Hund, der, als er uns sieht, schleunigst in einer Hofeinfahrt verschwindet. Das bereitet ihm allerdings große Schwierigkeiten, denn er kann vor Trunkenheit kaum gerade gehen. Nur Sekunden später, das Telefonat mit der Polizei dauert an, kommt er wieder, diesmal ohne Hund, dafür mit Zettel und Stift. Er schwankt auf uns zu, stammelt fast unverständliche Fetzen von Flüchen und Schimpfworten und versucht, unser Nummernschild zu notieren. Da wir nichts zu verbergen haben, kommen wir ihm mit einer Taschenlampe zur Hilfe. Überrascht gibt er einige Laute von sich, die wir ungefähr als "Ich brauche Eure Hilfe nicht" interpretieren, was ihn aber nicht daran hindert, die Nummer aufzuschreiben. Erneut verschwindet er torkelnd in der Hofeinfahrt. Am Telefon entspannt sich inzwischen eine rege Diskussion mit der Polizei. Sekunden darauf fährt der zuvor am Waldrand geparkte Geländewagen aus Olpe mit Schrittgeschwindigkeit an uns vorbei. Drin sitzen eine Reihe düster dreinschauender Jäger und am Steuer - welch Überraschung - die betrunkene Schlafmütze. Auch der Wagen verschwindet in der Hofeinfahrt und ward nicht mehr gesehen. Nur ein paar Kinder lugen hinter einer Häuserecke kurz hervor, dann herrscht Ruhe. Inzwischen ist es stockfinster und das Telefonat mit der Havelberger Polizei beendet. Die Beamten haben dargelegt, sie hätten keine Zeit und kein Personal und überhaupt wüßten sie nicht, wie sie uns helfen könnten. Und so ziehen wir unverrichteter Dinge wieder ab, an der Rechtstaatlichkeit zweifelnd und überlassen die Jäger dem Dilirium. Und die Moral von der Geschicht`? Wenn Sie mal im europäischen Vogelschutzgebiet betrunken Autofahren und Jagen wollen, dann kommen Sie nach Havelberg. Da haben Sie Ruhe vor lästigen Polizeikontrollen und selbst wenn sie von Naturschützern erwischt werden, ist ihnen Führer- und Jagdschein weiterhin sicher. Übrigens: Auch wenigstens ein Beamter der Havelberger Polizei ist öfters im Europäischen Vogelschutzgebiet Stremel unterwegs - als Gänsejäger versteht sich. Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr. 6 (2002) (c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord Autor: Alexander Heyd gedruckte Exemplare sind erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V., Auf dem Dransdorfer Berg 98, 53121 Bonn, Tel: 0228-665521, Fax: 0228-665280 Email: info@komitee.de
19.7.2004 13:30:34
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