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Ausverkauf auf hoher See

Eine der größten Umweltkatastrophen unserer Zeit findet täglich unter unseren Augen statt und bleibt doch fast unbemerkt. Die Tiere, die die zentrale Rolle in dem Drama spielen, können nicht singen, sind nicht niedlich und in lebendigem Zustand praktisch unsichtbar: Fische. Mit der Ausbeutung der Fischbestände durch die Industrienationen geht eine global um sich greifende Naturzerstörung einher, die schon lange nicht mehr nur die Kiemen- und Flossenträger betrifft.

Mehr als 90 Millionen Tonnen Fisch werden jedes Jahr gefangen. Gut 95% davon gehen den industriellen Fangflotten von Amerikanern, Europäern, Japanern und Chinesen ins Netz. Die Folgen dieser beispiellosen Ausbeutung sind kaum überschaubar. Viele Fischbestände sind völlig überfischt, Fischarten verschwinden und der Nachwuchs bleibt aus. Die Bestände der sich von Fischen ernährenden Tierarten gehen zurück, Fischverarbeitung und Fischzucht zerstören die Umwelt, Millionen Menschen in der dritten Welt werden ihrer Lebensgrundlage beraubt. Als vor zehn Jahren die Nachricht um die Welt ging, in den Netzen der Thunfisch- Fischer würden zahllose Delphine ertrinken, war die Lösung schnell zur Hand: "Delphinfreundlicher Thunfisch" kam in den Handel, gefangen ohne Treibnetze. Beinahe wäre die Welt wieder in Ordnung gewesen. Doch heute ist längst klar, daß der Thunfisch auf der "Pizza Tonno" nicht der Delphine wegen, sondern um seiner selbst Willen verboten gehört. Fast alle Thunfischarten sind inzwischen gefährdet - und nicht nur sie. Die Bestände vieler anderer Arten, vom Kabeljau über Rotbarsch und Seehecht bis hin zu mehreren Lachsen, sind kollabiert. Die Fischschwärme sind Nahrungsquelle für Tausende Tierarten weltweit. Ob Kleinwale, Robben oder Meeresvögel, alle gründen ihre Existenz auf dem Fischreichtum der Meere. Lange schon ist man sich sicher, daß der Rückgang der Seevogelkolonien des Nordatlantiks mit ihren Papageientauchern, Lummen und Tölpeln auf Nahrungsmangel durch Fischerei zurückzuführen ist. Im Südpolarmeer stehen deshalb ein Dutzend Pinguin- und Albatrossarten sogar am Rande ihrer Ausrottung. Am schlimmsten getroffen hat es den "Amsterdam- Albatross", der auf wenigen Inseln unweit der Antarktis lebt. "Lebte" müßte man eigentlich fast sagen, denn heute gibt es gerade noch 90 Tiere ihrer Art. Ein großes Problem sind die Fangmethoden. In den riesigen Netzen verfängt sich alles, was gerade nicht das Glück hat, an einer anderen Stelle zu verweilen. So landen also nicht nur tonnenweise die Speisefische, sondern auch Haie, Kleinwale, Tintenfische und praktisch die gesamte Palette an Meereslebewesen auf den Fischtrawlern und gehen, zerquetscht, zerstückelt und halbtot, als Müll wieder über Bord. Sage und schreibe 40 Millionen Tonnen sog. "Beifang" produzieren die Fischereiflotten jährlich! Spitzenreiter mit einer Quote von 84% Beifang ist dabei der Garnelenfang. Mit anderen Worten: Für 100 g Shrimps, das reicht gerade für einen Kabbencocktail als Vorspeise, landen rund ein halbes Kilo Fische und Weichtiere als Müll wieder im Meer. Zum Fang von Schollen, Flundern und anderen "Plattfischen" ziehen die Fischerboote Bodennetze hinter sich her, die mit Blei beschwert den Meeresboden durchwühlen und alles ans Tageslicht befördern, was dort lebt. Fast die Hälfte dessen, was beim Schollen- und Flunderfang im Netz landet, ist lästiger Beifang. In Teilbereichen der Nordsee kommen die Schollenfischer mehr als zehn Mal im Jahr vorbei, der Meeresboden wird hier öfters umgepflügt als ein Getreideacker und ist inzwischen weitgehend zerstört. Prominenteste Opfer der Bodennetze sind 4.500 Jahre alte Kaltwasserkorallen in der Nordsee, die mittlerweile stark beschädigt sind. Von den gefangenen Fischen endet allerdings ein Drittel - also 30 Millionen Tonnen - nicht auf dem Tisch, sondern als Fischmehl im Futtertrog von Schweinen, Hühnern und - eigentlich unfaßbar - Farmfischen. Gerade nach dem BSESkandal ist die Nachfrage nach Fischmehl stark gestiegen, denn es darf - außer bei Biobauern - auch weiterhin verfüttert werden. Was nicht zu Mehl gemahlen wird, wird zu Öl für die chemische Industrie gepreßt. Fatal dabei ist die mit der Fischmehlherstellung verbundene Umweltzerstörung. In Peru, dessen Hauptexportschlager das eiweißreiche Mehl ist, haben die Fischmehlfabriken zum Leidwesen von Mensch und Natur ganze Küstenabschnitte mit giftigen Abwässern dauerhaft verseucht. Dabei ist die Energiebilanz mehr als niederschmetternd. Man benötigt stolze 5 kg Fisch zur Herstellung eines einzigen Kilos Fischmehl, mit dem man bei der Verfütterung in Fischfarmen maximal 2 kg Lachs oder Forellen erzeugen kann. Noch schlimmer steht es mit Shrimpsfarmen: Hier braucht man bis zu 50 kg Fisch (10 kg Mehl) zur Zucht eines einzigen Kilos Garnelen! Die Fischfarmwirtschaft ist aber noch in anderer Hinsicht ein ganz eigenes Debakel: Rund die Hälfte der weltweit erzeugten Shrimps stammen aus Garnelenfarmen. Und diese verfüttern nicht nur 50 mal mehr Fisch, als sie Garnelen ernten, sondern sie zerstören die letzten Reste tropischer Feuchtgebiete in Meeresnähe. Die Garnelen werden in Küstensümpfen gezüchtet, die in der Regel vor der Farmwirtschaft von Mangroven bewachsen waren. Bis heute haben die großflächig angelegten Farmen mehr als eine Millionen Hektar ökologisch hochwertvolle und unersetzbare Mangrovenwälder verschlungen - und es werden jährlich mehr. Auch Lachs stammt in der Regel aus der Farmwirtschaft. Das mag - von der Fischmehlverfütterung mal abgesehen - auf den ersten Blick gut sein, denn so werden die seltenen Wildlachse geschont. Doch beim genauen Hinsehen entpuppen sich die Farmen als das Gegenteil. Sie liegen nicht selten in den Fjorden Skandinaviens oder Kanadas, wo auch wilde Lachse leben. Dabei ist die Fischfarm nichts anderes als eine aquatische Massentierhaltung: Abwässer im Überfluß verschmutzen die ansonsten oft unberührten Fjorde, und Krankheiten können wegen der hohen Tierdichte in den Bassins grassieren. Das gefährdet in hohem Maße die zur Laichzeit durch die Fjorde wandernden Wildlachse. So ist z. B. durch die Farmwirtschaft an vielen Küsten die Lachslaus eingeschleppt worden, die bei den Wildlachsen zu erheblichen Problemen führt. Lediglich die sog. "Bio-Aquakulturen", deren Produkte viel zu selten in Bioläden angeboten werden, garantieren eine artgerechte Haltung und Fütterung der Farmfische. An letzter Stelle in der Nahrungskette steht der Mensch. Gemeint ist aber nicht die Sorte, die vor der Tiefkühltheke im Supermarkt steht und die Qual der Wahl hat, sondern die Abermillionen von Kleinstfischern in Lateinamerika, Afrika und Asien. Sie müssen tatenlos mit ansehen, wie die Fangflotten der Industrienationen vor ihrer Haustüre die Meere leerfischen, während sie immer öfter ohne einen einzigen Fisch in ihren Nußschalen vom Meer zurückkehren. Mehrere Millionen Menschen sind durch die Ausbeutung der Meere in ihrer Existenz bedroht. Ein ganzes Konglomerat humanitärer und ökologischer Katastrophen rankt sich um die Zucht von Victoriabarschen. In den letzten Jahren ist dieser Fisch zu einem echten Renner in Deutschland avanciert. Eingesetzt in den ostafrikanischen Victoriasee hat er zunächst eine handvoll endemische Fischarten verdrängt und an den Rand der Ausrottung gebracht. Die Tausenden Fischer am Seeufer fahren inzwischen meist erfolglos auf den See hinaus, Hungersnot und Landflucht sind die Folge. Und bis der Barsch endlich in deutschen Landen auf dem Tisch endet, hat er pro Kilogramm zwei Liter Flugbenzin für den Transport in die Atmosphäre gejubelt - ökologischer Wahnsinn auf die Spitze getrieben.

Lachsfarm an der Nordatlantikküste Machen Sie mit!

Letztendlich liegt es wieder einmal in der Hand der Verbraucher, ob sich an dem so vielschichtigen Problem etwas ändert. In den USA und neuerdings auch in Europa wird das Problem der Überfischung der Weltmeere immer mehr diskutiert. Behörden wachen nur langsam auf und eine weltweite Lösung der Katastrophe ist noch lange nicht in Sicht. Wenn Sie aber selber etwas tun möchten, beachten Sie einfach folgende Grundsätze: - Kaufen Sie nur noch Heringe und Makrelen. Zudem können Sie recht bedenkenlos auf Lachse und Forellen aus Bio-Aquakulturen zurückgreifen. Fragen Sie hierzu in Ihrem Bioladen nach. - Wenn Sie einen kleinen Fischzuchtbetrieb kennen, der Forellen und Karpfen selber züchtet und direkt vermarktet, können Sie auch diese ohne schlechtes Gewissen kaufen. - Verzichten Sie möglichst auf alle anderen Fischarten, auf Garnelen (die sogenannten "Krabben" oder "Shrimps") und Tintenfische. Insbesondere sollten Thunfisch, Lachs, Victoriabarsch, Rotbarsch, Schollen und "Schillerlocken" (Hai) tabu sein. - Verzichten Sie im Restaurant auf Fischspeisen, es sei denn, es handelt sich um Makrelen- und Heringsgerichte.

Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr. 6 (2002)

(c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord

Autor: Alexander Heyd

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Email: info@komitee.de

19.7.2004 13:02:45



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