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Italien: Neue Wege

Es mag den Vogelfängern in Brescia wie eine Invasion vorgekommen sein:Von September bis Dezember 2002 verbrachten über 250 Tierfreunde aus Italien und Deutschland ihre Zeit damit, Vogelfallen und Netze einzusammeln,Jäger zu kontrollieren und Wilderern aufzulauern. Noch nie haben so viele Naturfreunde eine so lange Zeit an den zahlreichen Aktionen teilgenommen.

Die Aufgabenverteilung unter den verschiedenen aktiven Gruppen war dabei wie auch in den Vorjahren: Während die Teilnehmer am Zugvogelschutzcamp des Komitees und an den Wochenendaktionen unserer Partnerverbände LAC und CSA mit der Suche und dem Abbau von Fallen und Netzen beschäftigt waren, kontrollierten die Jagdaufseher des WWF die Jäger und überführten Wilderer. Eine Überraschung erlebten wir bei der Auswertung unserer Ergebnisse aus 2002. Denn trotz des enormen personellen Einsatzes haben wir deutlich weniger Fallen und Netze als im Jahr zuvor eingesammelt. Gegenüber 2001 ist die Anzahl der während unseres dreiwöchigen Camps gefundenen Fallen um 20% gesunken (9.600 statt 12.000), bei Fangnetzen um sogar 25% (57 statt 76). Der Vogelfang in den Bergen Brescias - das ist spätestens seit 2002 sicher - geht deutlich zurück. Dabei hat sich eine bereits seit Jahren abzeichnende Tendenz noch verstärkt: Es gibt immer weniger einfache Leute, die mit wenigen Fallen Vögel für den eigenen Bedarf fangen. Dafür nimmt der Vogelfang durch organisierte Banden immer mehr zu. In unzugänglichen Hochgebirgsregionen stellen diese bis zu 500 Fallen auf. In der dreimonatigen Fangsaison sind es schätzungsweise 15.000 Tiere, die sie auf dem Schwarzmarkt für rund 20.000 Euro an Restaurants verkaufen - ein lohnendes Geschäft. Sammelt man einem einfachen Vogelfänger einige Jahre hintereinander seine Fallen ab, so gibt dieser irgendwann sein "Hobby" auf, weniger geläutert als mehr genervt. Bei den neuen Banden ist die finanzielle Verlockung allerdings so groß, daß diese Methode nicht mehr ausreicht, um sie von ihrem Treiben abzubringen. Der Wandel weg vom privaten, hin zum kommerziellen Vogelfang macht neue Wege beim Vogelschutz erforderlich.

So wurde bei unserem Camp eine Gruppe eingesetzt, deren einzige Aufgabe in der Suche nach kommerziellen Fallen und Netzstellen bestand. Dieses aus nur zwei bis drei Teilnehmern bestehende Team suchte als Vorhut die Gebirgshänge nach entsprechenden Standorten ab und meldete der Forstpolizei gefundene Bereiche. Am gleichen Abend wurden bewaffnete Beamte im Dunkeln an die ausgekundschafteten Stellen geführt, wo sie sich mit Schlafsäcken versteckten und nur noch auf den Vogelfänger warten mußten. Und so klickten an fast jedem Morgen die Handschellen irgendwo im Wald zwischen Garda- und Iseosee. Die Forstpolizei hat mehr als 50 Wilderer verhaftet, 23 von ihnen konnten nur aufgrund von Hinweisendes Komitees dingfest gemacht werden. Sobald die Polizei einen Wilderer gestellt hatte, kamen die Teilnehmer des Vogelschutzcamps zum Einsatz. In mehreren Gruppen durchkämmten sie die von dem Vorausteam sondierten Berghänge und sammelten alle Fallen und Netze ein.

An jedem Abend mußten die bevorstehenden Aktionen der Naturschützer und Jagdaufseher mit dem Einsatzplan der Forstpolizei abgestimmt werden. Vor allem an den Wochenenden, an denen neben den Teilnehmern des Vogelschutzcamps und des Camps der Jagdaufseher auch noch verschiedene italienische Gruppen mit insgesamt bis zu 70 Aktivisten in die Berge strömten, war eine fast generalstabsmäßige Planung nötig. Um den Ring um die Jäger und Vogelfänger noch etwas enger zu ziehen, wurden die Aktionen von unserer Anwaltskanzlei in Mailand vor Gericht begleitet. Die Provinz Brescia hatte den Einsatz der Jagdaufseher verboten, das Komitee legte Beschwerde gegen die Entscheidung ein und gewann. Wegen der Abschußgenehmigung von 5 Millionen Finken, Staren und Sperlingen in der Lombardei wurden wir bereits am Tage, als die Verordnung in Kraft trat, bei Gericht vorstellig. Durch drei Instanzen verloren wir unsere Klage, bis unser engagierter Anwalt Claudio Linzola mit einer Passage in einem 80 Jahre alten Gesetzeswerk die Verordnung zu Fall brachte.

Die Kombination aus Fallen einsammeln, Polizeieinsätzen, Jagdaufseherkontrollen und Gerichtsverfahren sorgte für schlechte Stimmung bei den Jägern. Mitte Oktober, am Tag nach dem Verbot der Finkenjagd, wurden an mehreren Stellen italienische Tierschützer angegriffen, der Jeep einer Gruppe Jagdaufseher wurde schwer beschädigt. Ernsthafte Verletzungen gab es zum Glück nicht.

Die Antwort auf diese Herausforderung ist eine noch engere Kooperation mit der Forstpolizei. Seit vielen Jahren gibt es parallel zu den Camps der Naturschützer einen mehrwöchigen Einsatz einer Sondereinheit zur Wildereibekämpfung der Forstpolizei, mit der wir in der Vergangenheit bereits gut zusammengearbeitet haben. Im Juni 2002 fand in Mailand unter Leitung des Komitees erstmals ein Vorbereitungstreffen aller in der Provinz Brescia tätigen Gruppen statt. Hier wurde einerseits eine sinnvolle Aufteilung des 2.500 Quadratkilometer großen Fanggebietes zwischen den einzelnen Verbänden und den Behörden vereinbart. Die Absprache mit der Forstpolizei stand bei dem Treffen allerdings im Vordergrund. Die Beamten aus Rom wünschten sich von uns die Meldung sämtlicher Fangstellen, an denen mehr als 100 Fallen oder große Netzfanganlagen zu finden waren. Dort wollten sie sich dann postieren, um die Vogelfänger in flagranti zu erwischen.

Die gute Zusammenarbeit von ehrenamtlichen Tierschützern, Jagdaufsehern und Behörden im Herbst 2002 lassen uns positiv in die Zukunft sehen. Wenn die kommenden Einsätze in den Südalpen weiterhin so erfolgreich verlaufen, könnte es uns gelingen, die Wilderei in den nächsten 10 Jahren fast völlig zu verdrängen.

Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr. 7 (2003)

(c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord

Autor: Alexander Heyd

gedruckte Exemplare sind erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V., Auf dem Dransdorfer Berg 98, 53121 Bonn, Tel: 0228-665521, Fax: 0228-665280, Email: info@komitee.de

 

1.6.2004 15:15:46



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