Der Nationalpark Eifel ist da. Als 14. deutscher Nationalpark hat er zum Jahresbeginn seine Tore geöffnet. Wirkliche Tore gibt es zwar nicht. In bis zu sechs Gemeinden rund um den Park sind allerdings Portal- Gebäude mit jeweils einem Spezialthema und allgemeinem Info-Angebot in Planung, wie es sie auch in anderen Nationalparks gibt.
Der erste große Ansturm Naturbegeisterter auf das 10.700 Hektar große Areal zeichnet sich bereits ab. Er speist sich aus dem Riesen-Potential der 20-Millionen-Bevölkerung, die im Umkreis von bis zu drei Fahrstunden um diesen einzigen Park im Westen Deutschlands beheimatet ist. Im Nationalparkforstamt Eifel in Schleiden/ Gemünd hagelt es derzeit Anfragen von Gruppen, die Informationen und Führungen buchen wollen. Dort, wo in den kommenden Jahrzehnten das große Dauertreffen von Mensch und Natur stattfinden soll, haben noch Seltenheiten wie Schwarzstorch, Uhu, Wildkatze und Biber ihre Heimat, und neuerdings wurden sogar Luchse im Umfeld gesichtet. Insgesamt fanden Biologen bei einer Bestandsaufnahme mehr als 200 gefährdete Tier- und Pflanzenarten in einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensraum-Typen.
Den Hütern dieses Natur-Schatzes ist eine immense Aufgabe anvertraut. Sie sollen ihre "Schatzkammer" jedermann zugänglich machen und müssen sie dennoch gleichzeitig vor jedermann behüten: Wie Winzer, die einen Jahrhundertwein ausbauen, soll das Management seinen Park in den kommenden Jahrzehnten veredeln. Gleichzeitig sollen Millionen Menschen das Spitzenprodukt, Marke "Natur pur", kosten, ohne es zu "verbrauchen". So ist im Bereich des noch bis Ende 2005 genutztenTruppenübungsplatzes Vogelsang eine Hirsch-Beobachtungskanzel für 20 bis 30 Besucher geplant, weil die Tiere sich dort wegen fehlenden Jagddrucks auch bei Tage ans Licht trauen.
Ein Themen-Tour-Buch ist in Vorbereitung, das dem Leser die Vielfalt des Geländes nach Schwerpunkten (z.B. Urftseebereich, Narzissenwiesen, usw.) nahe bringt. In sieben Tages-Touren sollen Interessierte erfahren, dass der Park wesentlich mehr bietet, als mit einer Stippvisite zu bewältigen ist. Den wirtschaftlichen Aspekt des Unternehmens brachte der Leiter des Nationalparkforstamtes - Henning Walter - auf den Punkt. Er nannte das Projekt die "größte Strukturfördermaßnahme für die Eifel seit dem Bau des Nürburgrings". Es wird auch dem um ein Vielfaches größeren Deutsch-Belgischen Naturpark Hohes Venn - Eifel, der das Gebiet des Nationalparks umschließt, zusätzliche Attraktivität bescheren.
Wie der Zuckerrand an einem Kelch mit perlendendem Champagner säumt in diesen Tagen letzter Schnee die Ufer blau-leuchtender Talsperren-Seen. Von einer Plattform hoch am Berg ein traumhafter Ausblick auf eine Szenerie von Wald und Wasser, variationsreichen Erhebungen und tiefen Einschnitten. Ein Vorgeschmack auf all die anderen lockenden Anblicke, Ausblicke, Augenblicke im neuen Park. Im silbergrau schimmernden Buchenaltholz über der Plattform trillert ein krähengroßes Schwarzspechtmännchen mit feuerroter Feder-Tolle.
"Die großen Spechte", sagt Malte Wetzel vom Nationalparkforstamt, "sind die Wohnungs- und Brutstättenbauer für Hohltauben, Käuze, Fledermäuse und Hornissen. der Weg des Försters führt in einen Teil des Bergwaldes "Kermeter", in dem die Zukunft des Nationalparks vorweggenommen erscheint. Eine Säulenhalle mit mächtigen, 180 Jahre alten Buchen überspannt da den Hang. Das Falllaub vom letzten Herbst ist durchfurcht von Wildschweinmäulern auf der Suche nach Engerlingen und Bucheckern. Auf einer ausharrenden Schneerippe über einem turmgefällten morschen Stamm hat ein Baummarder die Abbilder seiner feinbekrallten Pfoten in plastischem Stempeldruck hinterlassen. Insgesamt drei dieser vor 30 Jahren selektierten Naturwaldzellen", in denen seit Jahrzehnten keine Säge mehr gekreischt hat, zählt der Park.
Insgesamt sind heute fünf bis zehn Prozent der Nationalpark- Wälder als "naturbelassen" anzusehen. Sie wurden bereits seit mehr als 50 Jahren nicht mehr genutzt. Binnen 30 Jahren müssen drei Viertel (75 %) - also gut das Zehnfache - der Nationalpark- Wälder sich frei von jeglichem menschlichen Eingriff entwickeln. Anderenfalls ist die internationale Anerkennung als Nationalpark in Frage gestellt. Eine von vielen wichtigen Planungen betrifft die Besucher-Lenkung. Der Wegeplan soll bis 2006 "stehen". Auch die drei großen Wasserflächen im und um den Park unterliegen festem Reglement: Der Urftsee steht ganz unter Naturschutz. Auf dem Obersee sind ausschließlich zwei Elektro-Ausflugsboote zugelassen. Und der Rursee schließlich ist für die Erholungs-Nutzung freigegeben. Buchenwälder waren es, die vor Jahrhunderten die Eifelhöhen dominierten. Dieses historische Wald-Bild wandelte sich durch den Menschen: Waldvernichtung und -veränderungen kamen mal im Gefolge von Kriegseinwirkungen und Reparationsforderungen daher, mal wurden sie durch die Eisen-Industrie oder das Leder verarbeitende Gewerbe verursacht. Die bittere Armut der Eifelbewohner über Jahrhunderte sowie Formen landwirtschaftlicher oder militärischer Nutzung drückten dem Landschaftsbild ebenfalls jeweils ihren Stempel auf. Deshalb wird die beabsichtigte Rückeroberung der Flächen des Parks durch eine natürliche Pflanzen- und Tierwelt viele Menschen-Generationen dauern. "Natur Natur sein lassen" ist ein Kern- Anliegen der Nationalpark-Idee. Und für die Besucher soll dieser Prozess spannende Einblicke eröffnen, vermittelt von speziell geschultem Personal, den "Rangern".
Bis allerdings die vielen stramm wirtschaftlich ausgerichtete Areale des Parks sich selbst überlassen werden können, ist Wald-Umbau angesagt: Die Buche ist heute auf ein Drittel (von ehemals 95 Prozent) der Bestände zurückgedrängt. Also heißt die Devise Nadelholz raus, Laubholz rein. Aus düsteren Fichtenbeständen werden bald Buchen ans Licht drängen. Schon wurzeln vielerorts im Dämmerlicht - von sogenannten Hordengattern gegen hungrige Hirsche verteidigt - hand- bis unterarmgroße Jungbuchen, zwar noch vom Menschen gepflanzt aber schon nicht mehr unter Forst-Dressur in Reih und Glied. Hier wächst die Zukunft des Parks heran. Vorteilhaft für den Eindruck, den der Besucher bereits heute vom nagelneuen Nationalpark erhält, ist, dass die meisten Wege in diesem ehemaligen Forst wegen der Steigungen und Abhänge nicht im üblichen Schachbrett- Raster angelegt werden konnten. So kommt beim Wanderer eher Atemnot auf als Langeweile.
Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr.8 (2004)
(c) 2004 Komitee gegen den Vogelmord e.V.
Autor: Bernd Fuhs
gedruckte Exemplare sind erhältlich beim Komitee gegen den Vogelmord e.V., Auf dem Dransdorfer Berg 98, 53121 Bonn, Tel: 0228-665521, Fax: 0228-665280, Email: info@komitee.de
9.6.2004 9:22:22
159523 Besucher seit 20.04.2004.