Obwohl sie in Deutschland strengen Vermarktungsverboten unterliegen, werden auf der Dortmunder Messe Jagd & Hund jedes Jahr unzählige geschützte Wildtiere in Form von Abschußlizenzen verkauft. Jagdreiseveranstalter aus aller Welt vermarkten und präsentieren hier sogenannte Erlebnisreisen, deren Höhepunkt der Abschuß exotischer Tierarten im Ausland ist. Ob Elefanten und Löwen in Afrika, Luchse in Estland, Pumas und Enten in Argentinien oder Kampfläufer und Wölfe in Rußland - das Angebot für Säugetier- und Vogeljäger ist reichhaltig und international. Nach Meinung von Jochen Borchert, Mitglied des Bundestages und Präsident des Deutschen Jagdschutzverbandes, stellt die Messe darüber hinaus auch ein wichtiges Forum für die Außendarstellung der Jagd in Deutschland dar. Für den Artenschutzbrief hat sich Axel Hirschfeld in den Westfalenhallen umgesehen, wo die Jagd & Hund in diesem Jahr vom 25. bis zum 30. Januar ihre Pforten geöffnet hatte.
Den Tauben und Kaninchen im Westfalenpark muß es wie eine Invasion vorkommen: Ein riesiger Treck, bestehend aus Tausenden von Jägern, bewegt sich seit 10 Uhr morgens stetig auf die Dortmunder Messehallen zu. Ihr Ziel: Europas größte Fachausstellung für Trophäenjagd und entsprechendes Zubehör.
Mit einer geliehenen Jagdkluft bewege ich mich im Schutz der anonymen, lodengrünen Masse auf den Eingang zu. Während vor mir zwei ältere Waidmänner darüber diskutieren, ob die Qualität afrikanischer Elefantentrophäen in den letzten Jahren nachgelassen hat oder nicht, erklärt in meinem Rücken ein Vater seinem Sohn die Vorzüge der Wasservogeljagd in Russland: "Mehr Arten als wie bei uns und saugünstig!" Obwohl sich bei mir in der Magengegend bereits ein leichtes Unwohlsein ankündigt, nehme ich mir vor, mich nach Jagdmöglichkeiten für Vögel in Russland zu erkundigen.
Ein kurzer Blick auf den Messeplan genügt: Halle Nummer Sieben ist nahezu exklusiv für Jagdreiseagenturen reserviert. Zwischen ausgestopften Giraffenköpfen, Bären, Raubkatzen und allerlei Gehörn werden hier Safaris nach Afrika, Südamerika, Neuseeland, Alaska, Asien und ganz Europa angeboten. "Messerabatt! Bei Buchung einer Jagdreise am Stand ist der Abschuß des zweiten Birkhahns gratis" oder: "Unübertroffene Erfolge in Bulgarien: Weltrekordtrophäen bei Wildkatze und Steinbock", daneben ein Schild: "Jagen Sie nach russischer Art!". Klingt interessant. Ich nehme mir einen Prospekt und werde prompt angesprochen: "Na, junger Mann, was darf´s denn sein? Ein kapitaler sibirischer Bock, ein schöner Luchs oder vielleicht mal auf die grobe Sau in St. Petersburg?". "Äh, ja, sehr schön. Haben Sie auch Vogeljagd im Programm?" "Vogeljagd, aber natürlich, wunderbar. Schauen Sie hier...". Routiniert zückt der Mann ein Fotoalbum und blättert darin herum. Schließlich zeigt er auf ein Bild, das zwei breit grinsende Jäger vor einem Haufen toter Vögel zeigt. "Ein Superrevier am Baikal-See, hohe Strecken, ideal für Sammler. Kampfläufer, Watvögel, Alken und Singvögel soviel Sie wollen." Das flaue Gefühl in meinem Magen verstärkt sich. Ich verspreche, mir die Sache zu überlegen und schiebe mich wieder ins Gedränge.
Vorbei an ausgestopften Auer- und Birkhähnen, entlang ungezählter Hirschgeweihe, Bären- und Wolfsfelle setze ich meine Recherche fort. Von einem Mann mit Zebrafellweste und Tropenhelm lasse ich mich auf einen Sekt einladen - Verkaufsgespräch am Stand eingeschlossen. Auch hier wird wieder das obligatorische Fotoalbum gezückt. Weiße Jäger auf blutroten Elefanten, Gruppenfotos mit getöteten Leoparden, Bären oder endlosen Reihen geschossener Vögel. "Oder darf es etwas Ausgefalleneres sein? Nilpferd oder Pavian zum Beispiel?" Hastig murmele ich etwas wie "Mal sehn" und greife mir beim Verlassen des Standes schnell noch ein paar Hochglanzprospekte. "Willkommen im Enten-Himmel", steht dort auf Englisch, daneben wird Tauben und Entenjagd in Argentinien angeboten, 5 Tage ab 2.200 Euro - inklusive 2.500 Schuß Munition, kombinierbar mit der Jagd auf Pumas, auf Wunsch mit Trophäenspedition nach Deutschland. Meine Magenprobleme haben sich mittlerweile zu einer handfesten Übelkeit entwickelt, dank des Gratis-Sektes halte ich jedoch weiter durch.
Mein nächstes Ziel: Die Videoprojektion eines balzenden Auerhahns, vor der sich mittlerweile eine dichte Traube Jäger versammelt hat. "Jetzt, Schuß!", schreit einer, doch der Vogel auf dem Bildschirm kollert noch einige Sekunden weiter, bevor ein Knall die Idylle zerreißt und das Tier bildfüllend zu Boden gerissen wird. Begeistertes Geraune. Verhaltenes Klatschen. "Sauber gestreckt!", lobt einer, "Kapitaler Brocken" meint ein anderer und erntet zustimmendes Gemurmel. Mittlerweile verteilen Angestellte eines rumänischen Jagdreiseunternehmens Broschüren, in denen die Auerhahnjagd am Balzplatz ab 1.100 Euro angeboten wird. Das sog. "Anschweißen" (=Verletzen) der Vögel wird mit 350 Euro berechnet, ein Fehlschuss kostet 150 Euro. Auf der Rückseite eine großformatige Anzeige, in der unter dem Titel "Vogelschießen vom Feinsten" über Safaris in Uruguay und Mexiko berichtet wird. Ein Werbefoto zeigt zwei leicht bekleidete Damen, die mit einer Flinte in der Hand vor einem Haufen toter Wasservögel posieren. Darunter die Bildunterschrift: "Personal attention inclusive!". Mir ist mittlerweile speiübel. Durch Halle 6 haste ich in Richtung Ausgang, geradewegs zu auf das Plakat eines Jagdverbandes. "Jagd ist angewandter Naturschutz", steht darauf. Je mehr ich darüber nachdenke, desto schneller reift mein Entschluß: Bloß weg hier!
Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr.9 (2005)
(c) 2005 Komitee gegen den Vogelmord e.V., Bonn
Autor: Axel Hirschfeld
7.2.2008 12:58:42
159527 Besucher seit 20.04.2004.