Im Oktober 1983 hatte das Komitee gegen den Vogelmord seine Partnerverbände zu einer Demonstration gegen den Vogelfang in Belgien eingeladen. Aus Mailand waren Mitglieder der Lega Abolizione Caccia (LAC) angereist und hatten einen archetto - eine Bogenfalle für Singvögel - im Gepäck. Das herumgereichte Fanggerät beflügelte sehr bald die Phantasie. Die Idee: Naturschützer aus Deutschland fahren nach Italien und zerstören die grausamen Fallen. Wo genau sie zu finden waren, wußten auch die Italiener nicht richtig und ob es dort überhaupt viele geben würde, war auch ungewiß.
Um mehr über den Umfang der Wilderei zu erfahren, machten sich im Herbst 1984 zwei Komiteemitglieder mit Motorrad und Zelt auf in die Südalpen. Was sie fanden, verschlug ihnen den Atem: Die Wälder der Provinz Brescia standen brechend voll mit den Fallen - selbst in Gärten und an Straßenrändern waren die verbotenen Archetti aufgestellt. In Mailand beriet man sich mit der LAC und schmiedete Pläne für die Zukunft.
1985: Der erste Einsatz
Anfang Oktober 85 war es soweit. Acht Naturschützer aus Deutschland machten sich auf den Weg zum ersten Vogelschutzcamp. Basislager war ein Campingplatz am Idrosee. Während dieses Wochenendes sammelten die Naturfreunde sage und schreibe 2.200 Fallen ein. Die Vogelfänger waren völlig überrascht und so verlief die Aktion ohne nennenswerte Zwischenfälle.
Durch den Erfolg motiviert wurden für den Herbst 1986 gleich zwei Wochenendaktionen angesetzt. Durch Fernsehberichte auf uns aufmerksam geworden, meldeten sich zahlreiche Freiwillige für die Einsätze. 1989 sammelten bereits 25 Teilnehmer an drei Wochenenden Fallen und Netze in den Bergen Brescias ein. Der Ablauf war immer gleich: Freitag abends fuhr man in Deutschland los, Treffen mit den italienischen Freunden war immer Samstagmorgen bei Brescia. An Schlaf war nicht zu denken. Samstag und Sonntag wurden Fallen gesammelt, als Unterkunft dienten Campingplätze. Sonntagabend ging es für die Deutschen auf die Heimreise - am nächsten Morgen mußte an seinem Arbeitsplatz sein.
Anders als beim ersten Einsatz waren die Jäger inzwischen auf die Vogelschützer vorbereitet. Nicht selten standen sie am Ortseingang mit Mistgabeln und Knüppeln Spalier, wenn die Komiteemitglieder ankamen. Es kam auch gelegentlich vor, daß Fahrzeuge stundenlang in den Bergen von aufgebrachten Jägern festgehalten wurden. Doch meist blieb es bei Beschimpfungen und kleinen Rangeleien.
1992: Eskalation der Gewalt
Das änderte sich gründlich, als es gelang, das italienische Jagdgesetz zu novellieren. Mit einem Schlag war der Vogelfang verboten, mehrere Singvögel geschützt und die Jagdzeit fast halbiert. Das Gesetz wurde im Sommer 1992 verabschiedet und als drei Monate später die Naturschützer zum Vogelschutzcamp anreisten, war die Stimmung merklich aggressiver als in den Vorjahren. Im Oktober wurde mehrfach auf Komiteemitarbeiter geschossen, drei Autoreifen wurden zerstochen und eine Windschutzscheibe eingeworfen. Die Gewalt eskalierte im November. Am Colle San Zeno - einem Paß im Hochgebirge - überfielen vermummte Jäger eine Gruppe LAC-Mitglieder. Sie schlugen auf die wehrlosen Vogelschützer ein, machten Zielschießen auf ihre Fotoapparate und blockierten stundenlang die Straße. 12 Vogelschützer wurden verletzt.
Die Campingplätze - das war nun klar - waren zu unsicher geworden. Als Ausweichquartier bot sich eine Bungalowsiedlung am Iseosee an. Aus der Not, daß die Hütten nur wochenweise vermietet wurden, machte das Komitee eine Tugend: Das Vogelschutzcamp wurde ab 1993 zu einem einwöchigen Einsatz. Die Ereignisse vom Vorjahr hatten auch die Behörden auf den Plan gerufen. Während die Polizei bislang das Treiben eher passiv beobachtet hatte, wurden nun ganze Einheiten zu unserem Schutz abkommandiert. Die Polizeipräsenz beruhigte die erhitzte Jägerseele etwas - größere Zwischenfälle blieben ab sofort aus.
1996: Ausweitung der Einsätze
In den folgenden Jahren wurde das Vogelschutzcamp zur größten Aktion ihrer Art in Europa. Die Spender honorierten die Arbeit des Komitees und machten es möglich, die Einsätze immer weiter zu professionalisieren. 1996 wurde die Dauer des Vogelschutzcamps erstmals auf zwei Wochen ausgedehnt. Die 70 Teilnehmer sammelten rekordverdächtige 8.600 Bogenfallen ein. Zwei Jahre später wurden zeitgleich zum Komiteecamp erstmals WWF-Jagdaufseher in Brescia eingesetzt. Weil der WWF den Einsatz der eigenen Mitglieder nicht finanzieren wollte, sprang das Komitee ein und übernahm die Kosten. 1999 wurden während des Camps erstmals mehr als 10.000 Vogelfallen eingesammelt. Im gleichen Jahr fand ein erstes Treffen mit der Staatlichen Forstpolizei statt, auf dem die Möglichkeit einer Zusammenarbeit erörtert wurde. Zwei Jahre später waren mit mehr als 100 Teilnehmern so viele Naturfreunde wie noch nie im Einsatz - und sie sammelten 12.100 Archetti ein; so viele wie noch nie zuvor!
Heute ist das Vogelschutzcamp ein wohldurchdachter Großeinsatz gegen die Wilderei. Vom 1. bis 24. Oktober 2004 fand mit drei Wochen und über 140 Teilnehmern das bislang größte Vogelschutzcamp des Komitees gegen den Vogelmord statt. Die Aktivisten der LAC waren an zusätzlich sieben Wochenenden im Einsatz. In einer großen Bungalowanlage wohnten die Komiteemitglieder, die Aktivisten der LAC und die Jagdaufseher nebeneinander - finanziert mit deutschen Spendengeldern. Die Einsätze der verschiedenen Gruppen wurden genau geplant und täglich mit der Forstpolizei abgestimmt. Ein Komiteeteam stand bereit, täglich in den Bergen Fallenstandorte ausfindig zu machen und die Forstpolizisten hinzuführen, die dort den Vogelfängern auflauerten.
Erfolge
In den 20 Jahren Vogelschutzcamp haben wir mehr als 316.000 Archetti und fast 1.700 Fangnetze unschädlich gemacht. Die Forstpolizei hat mit unserer Hilfe seit 2001 mehr als 240 Vogelfänger in Brescia auf frischer Tat stellen können. Noch wichtiger aber ist, daß die Menge der aufgestellten Fallen inzwischen deutlich zurückgeht!
Während wir in den ersten Jahren immer mehr Fallen gefunden hatten, sinkt deren Anzahl seit 2001 deutlich. Und das, obwohl die Zahl der Aktivisten stetig ansteigt. Nicht selten zieht heutzutage eine Gruppe in die Berge und kehrt am Abend ohne eine einzige Falle zurück.
Die Pioniere des Komitees, die Mitte der 80er Jahre Berge von Fallen binnen weniger Tage aus den Wäldern schleppten, hätten wohl nicht gedacht, daß sie der Wilderei je Herr werden würden. Heute scheint ein Ende des Vogelfangs in dieser Region in greifbare Nähe gerückt. Brescia ist weltweit die letzte Gegend, in der noch Bogenfallen eingesetzt werden. Und so wie es aussieht, wird es uns in den kommenden Jahren gelingen, diese grausame Fangmethode endgültig in die ewigen Jagdgründe zu schicken.

Gimpel in illegaler Bogenfalle, Brescia Italien
(c) Komitee gegen den Vogelmord e.V.
HINTERGRUND: Archetti - grausame Tradition
Archetti - zu Deutsch "Bogenfallen" oder "Sprenkel" - sind die wohl heimtückischsten und grausamsten Vogelfallen, die Europas Jäger ersonnen haben. Die Falle besteht aus einer Haselnußrute oder einem Metallbogen, die mit einer Kordel unter Spannung gesetzt wird. Diese Kordel bildet mit einem ausgetüftelten Trick mittels eines kleinen Stöckchens eine Schlinge. Mit roten Köderbeeren angelockte Vögel - meist Rotkehlchen - werden mit einem Trick zum Sitzen auf jenem Stöckchen verführt. Sobald sich der Vogel dort niederläßt, wird die Spannung der Rute blitzschnell gelöst und die Beine des Tieres verfangen sich in der Schlinge. Nur einen Sekundenbruchteil später hängt das Opfer kopfüber mit zerschmetterten Beinen in der Falle. Früher oder später kommt der Vogelfänger vorbei und tötet den Vogel, zufrieden über das frische - weil noch lebendige - "Geflügel".
Artikel erschienen im Artenschutzbrief Nr.9 (2005)
(c) 2005 Komitee gegen den Vogelmord e.V., Bonn
Autor: Alexander Heyd
22.5.2006 13:19:27
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