Um die maltesischen Wilderer daran zu hindern, weiter auf geschützte Zugvögel zu schießen, hat das Komitee gegen den Vogelmord im Herbst 2007 ein internationales Vogelschutzcamp auf der Mittelmeerinsel organisiert. Zehn Gruppen, bestehend aus erfahrenen Aktivisten und Ornithologen, waren vom 15. bis zum 23. September im Einsatz, um die Rastplätze der Zugvögel zu überwachen und illegale Abschüsse sofort an die Polizei zu melden. Die Aktion war die größte ihrer Art, die bisher auf Malta stattfand, und wurde in enger Zusammenarbeit mit der maltesischen Umweltpolizei und lokalen Umweltverbänden durchgeführt.
von Axel Hirschfeld
So etwas hatten die bisher vor Feuerkraft und Selbstbewusstsein nur so strotzenden
maltesischen Vogeljäger noch nicht erlebt. An die Tatsache, dass sich fast täglich Touristen über angeschossene Vögel, zu enge Käfige und Schüsse in der Nähe von Hotels oder Wanderwegen beschweren, daran haben sie sich längst gewöhnt. Appelle von Ornithologen, Drohungen der EU und Protestaktionen im Internet – geschenkt. Dass jetzt aber Ausländer freiwillig und im Rahmen einer großangelegten Operation nach Malta kommen sollten, nur um sie – die sie hier geboren sind – davon abzuhalten, auf ihrer Insel geschützte Tiere zu töten, das konnten sie zuerst gar nicht glauben. Als das Gerücht von den 22 „Bird Guards“ (Vogel-Wächter) aus Deutschland, Italien und dem Vereinigten Königreich dann aber offiziell von der größten Tageszeitung der Insel bestätigt wurde, rieben sich viele Jäger verwundert die Augen. Ausgerechnet die Deutschen... „Denen werden wir es schon zeigen“, hieß es unisono. Aber Moment, da stand ja noch was in der Zeitung: Im selben Artikel war zu lesen, dass die Regierung beschlossen hatte, ihnen ihre Jagdzeit praktisch um die Hälfte zu kürzen. Das fanden die Jäger nicht mehr lustig, aber es stimmte. Umweltminister George Pullicino höchstpersönlich hatte verkündet, dass die Vogeljagd in diesem Herbst wegen der zahlreichen im vergangenen Jahr festgestellten Verstöße nun ab 15:00 Uhr grundsätzlich verboten sei. Jeder, der danach von der Polizei mit der Waffe im Gelände erwischt wurde, musste nun mit einer Bestrafung rechnen. Die neue Regelung sollte am 15. September in Kraft treten, also genau an dem Tag, an dem auch die Komitee-Teams mit der Arbeit begannen. Ein Zufall? Wohl kaum, denn genau in dieser Zeit beginnt der Hauptdurchzug der bei den Wilderern besonders begehrten Weihen, Wespenbussarde, Falken und Adler. Damit die am Nachmittag ankommenden Greifvögel unbehelligt zu ihren Schlafplätzen an Land gelangen können, wurde die Jagd in dieser Zeit vorsichtshalber komplett untersagt.
Mit Ferngläsern gegen Schrotflinten
Strategie des Komitee-Einsatzes war es, an der gesamten Westküste Maltas Beobachtergruppen zu postieren, deren Aufgabe es war, den Vogelzug zu erfassen und Brennpunkte illegaler Jagd zu kontrollieren. Zehn verschiedene Teams, bestehend aus zwei bis drei Freiwilligen, bekamen jeweils ein etwa 8 Quadratkilometer großes Gebiet zugewiesen, in dem sie den ganzen Tag über mit einem Mietwagen im Einsatz waren. Über ein ständig besetztes „Hauptquartier“ wurden die einzelnen Posten mit Informationen versorgt und alle besonderen Vorfälle von den Außenteams an die Zentrale gemeldet. Sobald Greifvögel und andere bei den Wilderern beliebte Arten - wie z.B. Bienenfresser - am Himmel zu sehen waren, beobachteten die Camp-Teilnehmer aufmerksam deren Route und die Geschehnisse am Boden. Größere Vogelschwärme sollten auf ihrem Weg über die Insel auch mit Autos begleitet, etwaige Abschüsse dokumentiert oder durch die eigene Präsenz verhindert werden.
Als am Morgen des ersten Einsatztages alle Gruppen an ihren Posten angekommen waren, hofften noch alle, dass sich die Jäger - von der Anwesenheit der Bird-Guards beeindruckt – an diesem Morgen zurückhalten würden. Vergebens. Kurz nach 8:00 Uhr meldete das vom Komitee im Nordwesten der Insel stationierte Team den Abschuss eines Wespenbussardes, der direkt vor ihren Augen erlegt wurde. Als die Vogelschützer anschließend laut rufend in Richtung des Schützen sprinteten, gab dieser Fersengeld und verlor bei seiner Flucht nacheinander den toten Greifvogel, seine Jacke, einen Patronengürtel mit 25 Schuss Munition und eine Thermoskanne mit heißem Kakao. Polizisten, die den Tatort untersuchten, stellten später fest, dass der Täter besonders großkalibrige Schrote verwendete, die speziell für den Abschuss von Greifvögeln und Reihern hergestellt werden und deshalb auf Malta verboten sind.
Und auch in den folgenden Tagen liefen in der Einsatzzentrale des Komitees die Telefone heiß: Abschüsse von Rohrweihen, Turmfalken, Baumfalken, eines Kuckucks und eines Zwergadlers wurden beobachtet und der Polizei gemeldet, die gegen mindestens vier verdächtige Jäger Strafverfahren einleitete. Die maltesischen Tageszeitungen brachten Artikel über die ersten Resultate des Camps und auch der Westdeutsche Rundfunk sandte ein Fernsehteam, das die Aktion mehrere Tage lange begleitete.
Schrotkörner und aufgeschlitzte Reifen
Angesichts des großen Medieninteresses und der ausnahmslos wohlwollenden Berichterstattung über das Vogelschutzcamp sah sich die maltesische Jägervereinigung FKNK zu einem medialen Gegenschlag genötigt. In einer Pressekonferenz bezeichnete Jägerpräsident Lino Farrugia am 17. September die Komitee-Aktivisten als Spione und verlangte sogar allen Ernstes, dass alle Malta-kritischen Ausländer umgehend des Landes verwiesen werden sollten. Auch wenn er mit diesen Forderungen weitgehend Spott erntete – die Mitglieder des Jagdverbandes hatten ihren Chef verstanden. Jäger, die in den ersten Tagen die Anwesenheit der Komitee-Aktivisten in ihren Revieren noch mehr oder weniger hilflos akzeptiert hatten, wurden plötzlich extrem aggressiv und versuchten die Vogelschützer zu vertreiben. Bis zum Ende des Camps kam es fortan täglich zu verbalen Entgleisungen, schwerer Nötigung durch bewaffnete Jäger, Steinwürfe auf Komitee-Fahrzeuge. In einem Fall wurden die Reifen eines Einsatzwagens zerstochen und am sogar ein Schrotschuss auf zwei Komiteemitglieder abgegeben. Glücklicherweise wurden beide nur leicht am Arm bzw. Rücken verletzt und konnten nach kurzer Behandlung ihre Arbeit fortsetzen. Der Schütze, der die Vogelschützer zuvor noch laut beschimpft hatte, behauptete gegenüber der Polizei, er habe die Beobachter nicht gesehen und auf eine Wachtel gezielt. Wie auch immer es gewesen ist, von nun an berichteten die maltesischen Medien (Times, Independent) täglich über die Arbeit der „Bird Guards“ und kritisierten die Äußerungen der FKNK, die sich mit ihrem aggressiven Auftreten ins eigene Bein geschossen hatte.
In der Times of Malta erschien eine Karikatur, die einen verwirrten Jägerpräsidenten Farrugia beim Abschuss eines geschützten Fischadlers zeigt.
Jagd auf „elektronische Lockvögel“
Trotz aller Widrigkeiten und Belästigungen blieben alle Teams wie geplant bis zum 23.September auf ihren Posten. Fazit des Einsatzes: Durch die offene Präsenz unserer Beobachter und die täglichen Kontrollen der Polizei konnte eine zwar unbekannte, jedoch mit Sicherheit bedeutende Zahl von Abschüssen verhindert werden. Innerhalb von 8 Tagen wurden zudem 95 Schüsse auf geschützte Arten gezählt und dokumentiert, darunter 18 Ab- bzw. Anschüsse von Greifvögeln, wie z.B. der Fall des in Deutschland beringten Schreiadlers „Sigmar“ (siehe Kasten). Alle erhobenen Daten und Beweise wurden an die Polizei in Valetta weitergeleitet. Dort, wo Einsatzfahrzeuge angefordert wurden, waren die Beamten meist schnell vor Ort und kontrollierten die im Gebiet anwesenden Waffenträger. In mindestens vier Fällen gelang es, Wilderer zu identifizieren und Strafverfahren einzuleiten, die bei Manuskriptabgabe allerdings noch nicht abgeschlossen waren.
Ein zweiter Schwerpunkt bestand in der Dokumentation der illegalen Jagd auf Wachteln mit Hilfe elektronischer Lockanlagen. In der Erde vergrabenen und über eine Zeitschaltuhr mit einer Autobatterie verbunden, beginnen diese Maschinen nachts zwischen 1 und 2 Uhr zu „singen“ und locken so die in dieser Zeit über das Mittelmeer ziehenden Tiere in die Kornfelder. Dort werden sie am nächsten Morgen von Hunden aufgestöbert, deren Herrchen sofort das Feuer auf die erschöpften Zugvögel eröffnen. Auf einer Kontrollfläche von rund 40 Prozent der Insel wurden bei den nächtlichen Suchaktionen insgesamt 156 elektronische Lockgeräte für Wachteln ausfindig gemacht. Weil manche Maschinen nur zu bestimmten Zeiten laufen und andere zeitweise ausgestellt sind, ist die tatsächliche Zahl der Geräte auf der untersuchten Fläche zweifellos höher – das Komitee rechnet mit 300 bis 500 illegalen Lockgeräten auf dem gesamten Archipel. An zwei Stellen wurden außerdem Netzfanganlagen entdeckt, in denen elektronisch erzeugte Rufe von Goldregenpfeifern zu hören waren. Eine Karte, auf der die Standorte von allen Anlagen genau eingezeichnet sind, wurde am letzten Einsatztag an die Polizei übergeben.
Ausblick für 2008
Der Einsatz im Herbst 2007– soviel ist klar – hat zahlreichen Zugvögeln das Leben gerettet und ist von der nichtjagenden Mehrheit der Malteser mit Dank und großem Interesse registriert worden. Zugleich wurde die maltesische Jagdlobby zutiefst verunsichert. Wie tief, das zeigte sich zuletzt im Februar 2008, als Unbekannte einen Brandanschlag auf drei Autos des Vogelschutzverbandes Birdlife Malta verübten. Kurz nachdem eine Gruppe der Vogelschützer ihre Wagen frühmorgens am Rand des Schutzgebietes „Buskett Gardens“ geparkt hatten, gingen die Wagen der Vogelbeobachter in Flammen auf. Glücklicherweise wurde niemand ernsthaft verletzt, die Polizei ermittelt auf Hochtouren. Das Komitee hat Birdlife seine tiefe Bestürzung über den Vorfall mitgeteilt und eine restlose Aufklärung des heimtückischen Anschlages gefordert.
Die Planungen für die Komitee-Vogelschutzcamps im Jahr 2008 bleiben davon jedoch weitgehend unberührt. Angesichts der im Herbst 2007 erzielten Erfolge und der guten Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort, soll von nun an in jedem Jahr ein größeres Camp auf Malta organisiert werden. Auf einer Pressekonferenz kurz vor Ende des Einsatzes stellte Komiteevorsitzender Heinz Schwarze in Valetta klar: „Die Zugvögel, die auf Malta getötet werden, sind das gemeinsame Naturerbe aller Europäer. Jäger, die geschützte Arten schießen, müssen mit unserem langfristigen Widerstand rechnen“.
weitere Informationen über die Vogeljagd auf Malta und die Vogelschutzcamps gibt es auf der Homepage des Komitees gegen den Vogelmord: www.komitee.de
Einen Bericht zur Vogeljagd auf Malta von spektrum direkt finden Sie HIER
15.4.2008 14:53:09
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